Unterstützung für Frauen in Flüchtlingslagern in Darfur
Seit Mitte 2004 arbeitet medica mondiale mit der sudanesischen Menschenrechtsorganisation Khartoum Center für Human Rights and Environmental Development (KHCRED) zusammen. “Eure finanzielle Unterstützung und fachliches Wissen können wir jetzt gut gebrauchen, denn wir wollen so schnell wie möglich in Darfur ein Behandlungszentrum für Folteropfer einrichten”, so die Projektkoordinatorin Amira M. Khair in Khartoum. Sie bat uns um Unterstützung für Frauen in den Flüchtlingslagern der Region Nyala in Süd-Darfur.
Gemeinsam wurde ein Projekt entworfen, das zunächst vorsah, Frauen und Männer, die für lokale Hilfsorganisationen in den Flüchtlingslagern arbeiten, über Menschen- und Frauenrechte sowie Trauma aufzuklären und zu sensibilisieren. Danach sollten diese als BeraterInnen und UnterstützerInnen für traumatisierte Frauen in den Flüchtlingslagern eingesetzt werden – z.B. zur Vermittlung weiterführender Hilfsangebote.
Erstes Training erfolgreich absolviert
Das erste Training hat im November 2004 nach intensiver Vorbereitung stattgefunden. Die Nachricht, dass es ein Seminar über sexualisierte Gewalt an Frauen, Trauma und Menschenrechte geben sollte, verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Das Interesse insbesondere von Aktivistinnen aus den Flüchtlingslagern war so groß, dass statt den geplanten 40 schließlich 87 Männer und Frauen vor der Tür standen. „Viele von den TeilnehmerInnen sind selber traumatisiert und brauchen professionelle Hilfe. Wir haben dann entschieden, für alle das Seminar anzubieten“, so Amira Khair. Zusätzlich nahmen 20 MedizinerInnen und RechtsanwältInnen, die mit Flüchtlingen arbeiten, am Training teil.
Eine Woche lang haben somit über 100 Frauen und Männer in Nyala an einem intensiven Informations- und Aufklärungsprogramm über sexualisierte Gewalt an Frauen, Trauma und grundlegende Menschen- und Frauenrechte teilgenommen. Viele kamen zum ersten Mal in ihrem Leben mit diesem Thema im beruflichen Zusammenhang in Kontakt. „Ich war sehr berührt von der Offenheit der Teilnehmer und Teilnehmerinnen, uns an ihren persönlichen Erfahrungen teilhaben zu lassen“, so Amira Khair. „Diese zeigten umso mehr den Bedarf an professioneller Unterstützung und an weiteren Aufklärungs – und Trainingsangeboten in Darfur“.
Der Einsatz im Camp
Anschließend gingen 20 der TeilnehmerInnen zu einem ersten Einsatz in das Camp Kalma. Es ist mit über 100 000 Flüchtlingen das größte Flüchtlingslager der Region, und noch immer kommen täglich neue Familien an. Im Camp versuchten die TeilnehmerInnen, mit den betroffenen Frauen und Mädchen in Kontakt zu kommen. Amira Khair: „Viele konnten anfangs nicht oder nur sehr wenig über das reden, was sie erlebt hatten. Aber es gelang den von uns geschulten Helferinnen und Helfer, die zum Teil selbst Flüchtlinge sind, Gespräche zu führen und dadurch eine erste Entlastung für die Frauen zu bieten, die sich oftmals noch niemandem anvertrauen konnten.“
Die gesundheitliche und soziale Situation der von sexualisierter Gewalt betroffenen Frauen und Mädchen
Die meisten der vergewaltigten Frauen leiden unter Geschlechtskrankheiten und Fistelbildung als Folge von medizinisch nicht versorgten Verletzungen im Uro-Genitalbereich. Außerdem ist weibliche Genitalverstümmelung in dieser Region weit verbreitet, was sich zusätzlich negativ auf die gynäkologischen Verletzungen und Erkrankungen auswirkt. Betroffene Frauen wurden in aller Regel unmittelbar nach den Vergewaltigungen, auch nach der Ankunft im Flüchtlingscamp, nicht ausreichend medizinisch versorgt. Dies deutet auf einen hohen Bedarf an Sensibilisierung und Training für die dort praktizierenden Ärzte hin im Hinblick auf traumatisierte Frauen. Ebenso fehlt es an Medikamenten.
Ein großes Problem für die überlebenden Frauen sind die Kinder, die aus den Vergewaltigungen geboren werden. Sie werden ‚Jana Janjaweed’, ‚Kinder der Janjaweed’, genannt. Ihre Mütter werden von der Gemeinschaft ausgegrenzt und erhalten keine Geburtsurkunden für diese Kinder, was z.B. einen späteren Schulbesuch ausschließt. Ebenso lassen sich viele Männer von ihren vergewaltigten Frauen scheiden. Andere Männer akzeptieren die Gewalttat als Schicksal und verstoßen ihre Frau nicht, jedoch bleiben die Frauen in den Augen der Gemeinschaft stigmatisiert.
Weitere Planung: medizinische Erstversorgung in ‚Kornoks’
Durch den ersten Einsatz im Camp wurde deutlich, dass die Verbesserung der medizinischen Versorgung die dringlichste Aufgabe ist. Als Treffpunkt und Basis für die HelferInnen wurden bereits drei Holzhütten, sog. ‚Kornoks’ aufgebaut. medica mondiale plant nun, einen dieser Kornoks zu einer medizinischen Erstversorgungsstation für Überlebende sexualisierter Gewalt einzurichten. Unsere Kooperationspartnerin versucht des weiteren, eine Ärztin zu finden, die bereit ist, unter den harten Bedingungen im Kalma Camp zu arbeiten.
Training für Fortgeschrittene
Anfang Juni wurde für die 20 HelferInnen, die diesen ersten Einsatz in Kalma Camp geleistet haben, ein weiteres Vertiefungsseminar abgehalten – mit Schwerpunkt auf den Folgen sexualisierter Gewalt an Frauen. Im Herbst diesen Jahres werden sie – so die Planung – nochmals in das Flüchtlingslager gehen, um mit Überlebenden sexualisierter Gewalt Kontakt aufzunehmen, ihnen Gespräche anzubieten und sie bei Bedarf an die ‚Kornoks’ und andere Hilfseinrichtungen zu überweisen.
Dieses Projekt wird zum Teil aus Mitteln des Südtiroler Landtags finanziert.
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© medica mondiale e.V. · 24.07.2007



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