Das Frauen- und Mädchenzentrum in Fishtown

Bewusst wurde das von medica mondiale 2006 gestartete Projekt im Südosten Liberias angesiedelt. Die Regionen Grand Gedeh, River Gee und Sinoe gehören zu den ärmsten und am wenigsten erschlossenen Gebieten des Landes. Die meisten Menschen dort leben in Lagern oder in vom Krieg zerstörten Dörfern. Die Hälfte der Frauen sind Witwen, denn hier fanden besonders viele Kriegsverbrechen und Massaker statt. Manche Landstriche sind nach dem Ende des Bürgerkriegs auch heute noch von der Außenwelt abgeschnitten. Gesundheitliche Versorgung existiert ebenso wenig wie eine intakte Infrastruktur. Sauberes Trinkwasser steht fast immer nur in den Großstädten zur Verfügung. Das abseits gelegene Fish Town mit seinem gerade einmal 5.000 Einwohnern bestand nur aus einer maroden Straße mit roter Erde, gesäumt von Palmen, Hütten aus Ziegeln und Wellblech.

Tatkräftige Hilfe der Liberianerinnen beim Aufbau des Frauenhauses

In tagelangen, freiwilligen Arbeitseinsätze halfen die einheimischen Frauen beim Aufbau mit: Sie fällten Bäume und rodeten das Gelände, fertigten Ziegelsteine aus Lehm und schleppten täglich mehrere Hundert Liter Wasser für den Bau an. Hoch motiviert arbeiteten sie bei der Entwicklung des Bauplans mit. Dank der vielen Helferinnen aus Fishtown konnte das Frauenzentrum im Frühjahr 2007 fertig gestellt werden. Das drei Hektar große Land, auf dem das heutige Frauenhauses steht, bekam medica mondiale von der lokalen Regierung zum Projektstart geschenkt.

Angebote im Frauenhaus

Binnen kürzester Zeit hat sich das Frauenzentrum zu einer wichtigen Anlaufstelle für Mädchen und Frauen entwickelt, bei der sie erstmals Schutz und die Möglichkeit für einen Neuanfang in der Gesellschaft finden. Die Angebote im Zentrum reichen von Beratung und Information zu sexualisierter Gewalt und Gesundheit über psychosoziale Gruppen- und Einzelgespräche und speziellen Angeboten für Mädchen bis hin zu Ausbildungs- und Alphabetisierungskursen. Für Notfälle gibt es im Projekthaus einen Schutzraum, den Frauen als sicheren Übergangsort nutzen können. Darüber hinaus dient das Zentrum auch als Treffpunkt, Versammlungsort und Kulturzentrum für Frauengruppen und Aktivistinnen aus anderen Regionen im Südosten Liberias.

Die Frauen aus Fishtown und Umgebung sind aktiv in das Projekt eingebunden: Sie koordinieren die Aktivitäten im Zentrum mit und haben eigens dazu eine Steuerungsgruppe gebildet. Das Frauenhaus ist ihr ganzer Stolz; zum einen macht es ihre Anliegen sichtbar, zum anderen ermöglicht es mit der Zeit eine Machtverschiebung im Verhältnis der Männer und Frauen. Versammlungsorte waren bis dato hauptsächlich Orte für Männer. Damit die Bevölkerung das Zentrum gut annimmt, sollen zukünftig die Türen bei Kulturveranstaltungen auch für Männer und Jugendliche geöffnet werden.

Dezentrale Anlaufstellen – die Palaver Huts

Um möglichst viele Frauen und Mädchen – auch außerhalb von Fish Town – in das Projekt einzubeziehen, besucht das inzwischen elf-köpfige Team von medica mondiale regelmäßig die umliegenden Dörfer des Projektgebiets. Auf Märkten, bei Gesundheitsstationen und Hausbesuchen kommen die Mitarbeiterinnen mit Frauen ins Gespräch, leisten Soforthilfe und laden sie zu den Unterstützungsangeboten in Fish Town ein. Doch nicht alle Frauen aus der Umgebung können nach Fishtown kommen – schon gar nicht, wenn sie eine akute Gewalterfahrung hinter sich haben. Bis zu sieben Stunden Fußmarsch liegen manche Dörfer von der Distrikthauptstadt entfernt, die Wege sind schlecht und Transportmittel gibt es kaum.

Daher richtet medica mondiale in einigen Dörfern so genannte „Palaver Huts“ ein – einfache, aber solide gebaute Hütten aus Lehm und Palmblättern, die den Mädchen und Frauen vor Ort als Versammlungsort und Anlaufstelle dienen. In den Palaver-Hut können Frauen mit einem speziell geschulten Notfall-Team in Ruhe überlegen, wie es weiter geht. Außerdem nutzen Frauengruppen die Hütten, um sich zu treffen, sich auszutauschen und Aktivitäten zu planen. Und es finden verschiedene Kurse statt, in denen Frauen ihre handwerklichen Kenntnisse auffrischen können: im Nähen, in der Seifenherstellung oder im Haare schneiden. Da das Team aus Fish Town nicht fortwährend in den Palaver Huts anwesend sein kann, werden nach und nach Frauen aus der Umgebung ausgebildet, die dann die Beratung und Aufklärung in den Hütten übernehmen. Der Bau von insgesamt 25 Palaver Huts ist geplant, damit die Hilfe aus Fish Town so viele Frauen wie möglich erreicht.

Spendenbetrag:

Mit 50 Euro finanzieren wir einer Frau in Afghanistan eine dreimonatige psychosoziale Betreuung.

Projektinformation

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