medica Kosova
Während des Kosovakrieges vergewaltigten serbische Militärs Tausende kosovo-albanische Frauen und Mädchen und albanische Milizen verübten grausame Gewalttaten an Roma-Frauen. Die Militärs brannten Häuser nieder, zerstörten Felder und töteten Männer und Jungen. Zurückgeblieben sind viele Kriegswitwen und Frauen, die bis heute nicht über das erzählen können, was ihnen widerfahren ist. Denn Vergewaltigung gilt in der traditionellen kosovarischen Gesellschaft als „Ehrverletzung“. Darüber zu sprechen unterliegt einem Tabu.
medica mondiale hat unmittelbar nach dem Krieg 1999 ein interdisziplinäres Frauenberatungszentrum im ländlichen Gjakova eröffnet, einer Gegend, die bekannt war für besonders erbarmungslose Massaker. Daraus entstand medica Kosova (mK), eine selbstständige kosovarische Frauenorganisation, die heute für die einfühlsame und innovative Unterstützung für traumatisierte Frauen einerseits – und andererseits für den mutigen Einsatz für deren Rechte auf Regierungsebene und in den Medien steht. Annähernd 2.000 Frauen erhielten bisher psychosoziale Beratung, gynäkologische Behandlung und juristische Unterstützung. Viele Frauen haben dank des 30-köpfigen Teams von MK begonnen, ihre Kriegserlebnisse zu verarbeiten und Zukunftsperspektiven zu entwickeln.
Das Schweigen brechen – psychosoziale Beratung
Auch nach dem Krieg werden die Belastungen für die Frauen nicht leichter. In der stark patriarchalischen Gesellschaft Kosovas unterliegen Kriegsvergewaltigungen bis heute einem Tabu. Frauen müssen über das, was ihnen angetan wurde, schweigen. Sonst droht ihnen Ausgrenzung und Stigmatisierung. Mit Gesprächs- und Therapieangeboten hilft medica Kosova den Frauen, ihre traumatischen Erlebnisse zu verarbeiten und sich langsam wieder zu stabilisieren. Die zehn Beraterinnen von medica Kosova stehen den Frauen bei der Suche nach Erwerbsmöglichkeiten und Ausbildungsplätzen oder bei der Beantragung von Sozialhilfe zur Seite. Außerdem begleiten sie trauernde Frauen, deren tote Familienangehörige erst in den letzten Jahren aus den serbischen Massengräbern rücküberführt und beerdigt wurden.
Gynäkologische Versorgung mit psychosomatischer Orientierung
In Kosova gibt es kaum FrauenärztInnen – geschweige denn auf Traumatisierung spezialisierte GynäkologInnen. Frauen, die sexuelle Gewalt und Übergriffe erlebt haben, bleiben mit den gesundheitlichen Folgen häufig auf sich allein gestellt. Die gynäkologische Ambulanz von mK – ein zum gynäkologischen Behandlungsraum umgebauter Bus – fährt derzeit neun Dörfer rund um Gjakova an. Rund 2.000 gynäkologische Beratungen und Behandlungen finden jährlich dort und in der gynäkologischen Praxis im Zentrum von medica Kosova statt. Die Ärztinnen sind psychosomatisch geschult: Sie achten auf Traumasymptome bei den Frauen und überweisen Klientinnen an die Beraterinnen weiter.
Landwirtschaftsprojekt und Selbsthilfegruppen
In der ländlichen Region Kosovas herrscht noch das alte Gewohnheitsrecht des „Kanun“. Danach sind Kriegswitwen für immer an die Familie des verstorbenen Mannes gebunden, dürfen nicht wieder heiraten und kein selbstständiges Leben führen. Dieser starken Einschränkung setzt medica Kosova den Aufbau von Selbsthilfegruppen in neun Dörfern entgegen. Über 200 Frauen – fast alles Witwen – haben mit kleinen landwirtschaftliche Produktionen begonnen: Sie betreiben Imkerei, verkaufen Heu und Milch, sammeln Esskastanien für den örtlichen Markt. Die Trauer um ihre Männer, Söhne und andere Familienangehörige ist zwar allgegenwärtig – doch der Aufbau einer eigenen Existenz als Bäuerin gibt den Frauen Perspektive und stärkt.
Hilfe für ethnische Minderheiten
Frauen, die einer ethnischen Minderheit angehören, haben es in Kosova doppelt schwer. Roma, Sinti oder Askahli sind fast überall im Land Gewalt und Diskriminierung ausgesetzt. Die meisten dieser Frauen leben zudem in bitterer Armut und unter schwierigen sozialen Bedingungen. In ihren Siedlungen herrscht oftmals ein Klima der Gewalt, von dem Frauen besonders hart betroffen sind. Seit Ende des Krieges unterstützt medica Kosova Minderheiten-Frauen in Kosova mit medizinischen und psychosozialen Beratungsangeboten.
Juristische Unterstützung
Die Verfassung Kosovas garantiert Frauen gleiche Rechte wie Männer. Doch die praktische Rechtsprechung ist noch immer stark vom jahrhundertealten Stammesrecht ‚Kanun’ geprägt, in dem Frauen extrem benachteiligt werden – besonders auf dem Land. Die Anwältin von mK zeigt in ihrer Arbeit auf, wie geschriebenes Recht und tatsächlich angewandtes Recht auseinander klaffen, indem sie sich für die tatsächliche Umsetzung von Rechten für Frauen bei Gerichten einsetzt. Sie berät die Frauen und steht ihnen vor allem in Sorgerechts-, Unterhalts- und Erbschaftsangelegenheiten zur Seite.
Politik für Frauen
Auch auf politischer Ebene macht sich medica Kosova für die Stärkung und Umsetzung der Frauenrechte stark. Insbesondere die Enttabuisierung von sexualisierter Kriegsgewalt und den Kampf für Entschädigungen von Opfern von Kriegsvergewaltigungen hat sich medica Kosova dabei ganz groß auf die Fahnen geschrieben. Zahlreiche Kampagnen, Medienberichte, Radio- und TV-Sendungen klären über die Situation von im Krieg vergewaltigten Frauen auf. Damit mehr Druck auf Regierung und internationale Gemeinschaft aufgebaut wird, vernetzt sich medica Kosova im „Kosova Women’s Network“ mit anderen Frauenorganisationen. Gemeinsam kämpfen sie für einen Entschädigungsfond.