Unterstützung für Überlebende sexualisierter Gewalt
Projektförderung im Ostkongo
medica mondiale baut die Zusammenarbeit mit der kongolesischen Partnerorganisation PAIF (Promotion et appui aux initiatives feminines) weiter aus. Denn noch immer werden im Kongo jeden Tag Frauen und Mädchen vergewaltigt und schwer verletzt. Trotz des Friedensabkommens von 2002 und der ersten demokratisch gewählten Regierung um Joseph Kabila ist die politische Lage bis heute instabil. Insbesondere in den Krisenprovinzen Nord- und Süd-Kivu zählen Gewaltakte gegen Frauen und Mädchen weiterhin zur Tagesordnung. Tausende warten auf Hilfe.
Seit 2004 unterstützt medica mondiale die kongolesische Frauenrechtsorganisation PAIF, die als eine der wenigen Hilfsorganisationen in den Kivu-Provinzen Unterstützung für vergewaltige Frauen und Mädchen leistet. Nun wird die Zusammenarbeit mit finanzieller Unterstützung des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) ausgeweitet. Das neue Kooperationsprojekt soll für rund 800 Frauen in Goma und Kalehe den Zugang zu medizinischer, psychosozialer und sozioökonomischer Unterstützung sicherstellen. Zudem arbeiten medica mondiale und PAIF angesichts der anhaltenden Gewalt im Ostkongo gemeinsam daran, Informationen über Ursachen, Ausmaß und Folgen der Gewalt an Frauen in die Öffentlichkeit zu tragen und Aufklärungs- und Lobbyarbeit zu leisten.

Frauen im Osten des Kongo © Foto: PAIF
Hilfe unter einem Dach
Ein Kernstück des Kooperationsprojekts ist der Bau des neuen Projektzentrums gegen Gewalt an Frauen in Goma, der Hauptstadt der Provinz Nord-Kivu. Dazu soll das PAIF-Projekthaus wieder auf- und ausgebaut werden, das 2002 bei einem Vulkanausbruch zu großen Teilen zerstört wurde. Bislang fehlte das Geld für den Wiederaufbau. Das neue Zentrum soll eine zentrale Anlaufstelle für Frauen und Mädchen sein, in der sie direkte und umfassende Unterstützung erhalten. Die ersten Baumaßnahmen haben bereits begonnen.
Hilfe für Körper und Seele: medizinische und psychosoziale Unterstützung
Der Zugang zu medizinischen Einrichtungen und sozialen Beratungsstellen ist in den Ostprovinzen des Kongo besonders schwierig. Zudem ist kaum eine der Frauen dazu in der Lage, für Behandlungsgebühren und Medikamente aufzukommen. Infolge der brutalen Vergewaltigungen leiden viele Frauen an inneren Verletzungen, Infektionen der Harn- und Geschlechtsorgane, Gebärmuttervorfällen und Beckenbrüchen, an Fistelbildung und Inkontinenz in Folge der medizinisch nicht behandelten Verletzungen. Viele der Frauen wurden außerdem mit dem HIV/AIDS-Virus infiziert. Die Mitarbeiterinnen von PAIF sorgen daher zunächst für die medizinische Erstversorgung der häufig schwer verletzten Frauen und Mädchen. Je nach Verletzungsgrad werden die Frauen von PAIF direkt versorgt oder zur weiteren Behandlung in das Regionalkrankenhaus in Katana gebracht. Die medizinische Versorgung verbindet PAIF auch mit Gesundheitserziehung und Aufklärung, um den allgemeinen Gesundheitsstandard der Frauen zu verbessern.

Frauen der Selbsthilfegruppe „Faraja“ © Foto: PAIF
Ein weiterer Schwerpunkt der Arbeit von PAIF ist die psychosoziale Stabilisierung der oft schwer traumatisierten Frauen. Und der Bedarf an psychosozialer Beratung ist hoch: die Frauen und Mädchen leiden unter Angst- und Panikattacken, Schamgefühlen, Depressionen oder psychosomatischen Schmerzen. Im Rahmen des Kooperationsprojekts mit medica mondiale kann PAIF nun rund 800 Frauen psychosozial begleiten. Die Beraterinnen von PAIF betreuen die Frauen in regelmäßigen Einzel- und Gruppengesprächen und zeigen ihnen Bewältigungsstrategien auf. Die Beraterinnen bauen Selbsthilfegruppen auf, in denen die Frauen gegenseitigen Rückhalt erfahren. 2004 gründete PAIF gemeinsam mit medica mondiale die erste Selbsthilfegruppe namens „Faraja“ in Kalehe, Südkivu. Faraja heißt Trost und bedeutet für die Gruppenmitglieder einen Weg aus der Isolation heraus. In der Gruppe begegnen die Frauen anderen Überlebenden, unterstützen sich gegenseitig und schöpfen neuen Mut. Nach dem Vorbild von „Faraja“ sollen nun weitere Frauen beim Aufbau von Selbsthilfestrukturen unterstützt werden.

© Foto: PAIF
Starthilfe für einen Neuanfang
Auf Grundlage der psychosozialen Arbeit werden die Frauen in Ausbildungsmaßnahmen und sozioökonomische Aktivitäten eingebunden. Viele der Frauen, die sexualisierte Gewalt überlebt haben, leben in extremer Armut. Oftmals verstoßen von ihren Familien und Gemeinschaften, müssen sie sich und ihre Kinder alleine ernähren. In Ausbildungskursen lernen sie, einen Kleinhandel aufzuziehen, um mit dem Verkauf von Maismehl, Zucker, Bohnen, Seife oder Second-Hand-Kleidung auf lokalen Märkten ein eigenes Einkommen zu erzielen. Andere Frauen lernen nähen oder die Herstellung von Saft und Backwaren, um eigenständig für Grundbedürfnisse wie Ernährung oder Kleidung aufkommen zu können. Frauen aus den ländlichen Gebieten, die bereits vor und während der Bürgerkriege in der Landwirtschaft tätig waren, erhalten Saatgut oder Ziegen als Starthilfe zur Grund- und Selbstversorgung. Zudem bietet PAIF für alle Frauen Alphabetisierungskurse an, denn lesen und schreiben können sind ein wichtiger Schlüssel zur Teilnahme am lokalen Wirtschaftsleben. Die Erfahrung der eigenen Geschäftstüchtigkeit stärkt die Selbstsicherheit der Frauen, erhöht ihr Ansehen innerhalb der Gemeinschaften und lässt sie Hoffnung und Perspektiven für ihre Zukunft fassen – wichtige Voraussetzungen für einen Neuanfang.
Aufklärung in Familien und Gesellschaft
Neben der direkten und individuellen Unterstützung der Frauen wirkt PAIF ihrer sozialen Ausgrenzung entgegen. Denn in der Regel werden Frauen für die Verbrechen, die an ihnen begangen wurden, selbst verantwortlich gemacht und von ihren Familien und Gemeinschaften verstoßen. Mit Aufklärung und Mediation, der Vermittlung zwischen Frauen, Familienangehörigen und , erarbeitet PAIF gemeinsam mit allen Beteiligten Lösungsmöglichkeiten und bereitet den Weg, dass verstoßene Frauen im Einvernehmen wieder von ihren Familien aufgenommen werden.
Um Gesellschaft und Politik für die Situation der vergewaltigen Frauen zu sensibilisieren und erneute Gewalt gegen sie zu verhindern, dokumentiert PAIF sexualisierte Gewalttaten und setzt sich mit Aufklärungs- und Öffentlichkeitsarbeit für die Rechte der Überlebenden ein.
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© medica mondiale e.V. · 28.02.2008



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