Vergessenes Krisengebiet Albanien
2004 hat sich auch das dritte medica mondiale Projekt auf dem Balkan selbstständig gemacht. Und die kleine albanische Frauenorganisation, nun mit Namen Medica Tirana, hat bereits gezeigt, was in ihr steckt: 2004 nahmen 282 Frauen an Aufklärungs- und Bildungskursen teil, 234 wurden in Trauma-Beratungsgruppen betreut, 40 erhielten eine individuelle Trauma-Beratung, 720 wurden gynäkologisch behandelt. Und was im Armenhaus Europas, Albanien, besonders verblüfft: Durch das Angebot von Koch- und Nähkurse konnte das Medica Tirana-Team von 160 Frauen, die an diesen Kursen teilnahmen, 123 in Arbeit vermitteln.
Frauen-Alltag in Albanien
Die vergangenen 40 Jahren bedeuteten für viele Albanerinnen Unterdrückung, Zwang und Folter. Viele Frauen haben lange Zeit ihres Lebens in Straflagern verbracht. Vier Jahrzehnte dauerte die Terrorherrschaft unter dem Regime des Diktators Enver Hoxha und führte die kommunistische Elite Albaniens Krieg gegen die eigene Bevölkerung.
Inzwischen hat Albanien eine demokratische Verfassung. Doch in der Praxis regieren oftmals immer noch Drogen- und Waffenbarone, Menschenhändler und untereinander verfeindete Clans, die extrem patriarchalische Traditionen aufrecht erhalten. So werden Frauen nicht selten gegen ihren Willen an wesentlich ältere Männer verheiratet. Der alte albanische Ehrenkodex „Kanun“ erniedrigt Frauen zum Rang eines Haustiers und zieht häufig physische und psychische Gewalt nach sich. Oder junge Mädchen werden nach Ländern wie Italien verkauft, um dort zwangsweise in Bordellen zu arbeiten.
Das Schweigen zu brechen, von ihren Gewalterlebnissen in den Straflagern oder innerhalb der eigenen Familie zu berichten, kostet die Frauen große Überwindung. Denn auch sie sind ja in diesen patriarchalischen Traditionen groß geworden und kennen kaum andere Handlungsmöglichkeiten. Auch die äußeren Umstände des Alltags in Albanien sind hart: Oft fehlen Nahrungsmittel, immer wieder gibt es keinen Strom und kein Wasser.
Die Entstehung von Medica Tirana
Das Projekt Medica Tirana in Tirana, der Hauptstadt Albaniens, besteht seit dem Kosovakrieg 1999. Damals waren Tausende kosovarischer Flüchtlinge über die Berge ins albanische Nachbarland geflohen. Mit der Rückkehr der Flüchtlinge in den Kosova verlegte medica mondiale auch den Projektstandort dorthin. Auf Wunsch albanischer Beraterinnen und Ärztinnen, die zusammen mit den Frauen von medica mondiale in den Flüchtlingslagern in Tirana gearbeitet hatten, entstand dann jedoch auch in Tirana ein kleines medica-Projekt. Das albanische Team wollte auch in Albanien, das unter jahrzehntelanger kommunistischer Diktatur und darauf folgende bürgerkriegähnliche Unruhen schwer gelitten hatte, Traumaberatung anbieten – speziell für Frauen, die inhaftiert waren, und Mädchen und Frauen, die unter patriarchalischen Bedingungen zu leiden hatten und haben .

Tirana – albanische Hauptstadt. Schmutz,
Chaos und Gewalt prägen den Alltag.
2000 hat medica mondiale in Tirana ein Frauentherapiezentrum mit einer gynäkologischen Praxis eingerichtet. Die Frauen werden dort psychosozial beraten, medizinisch betreut und sie erhalten auch Nahrungsmittel, wenn die Versorgung wieder einmal nicht ausreicht. Acht Ärztinnen, Krankenschwestern und Sozialarbeiterinnen, die eigens für die Beratung und Behandlung von traumatisierten Frauen geschult wurden, arbeiten zur Zeit im Therapiezentrum und betreiben Gesundheitsaufklärung in den Elendsvierteln am Rande der Stadt. Das Leiden ist nicht vorbei, unter den Auswirkungen der erlittenen sexualisierten Gewalt und Folter leiden die betroffen Frauen lange. Daher benötigen sie auch langfristig unsere Unterstützung
Die Projekte von Medica Tirana
Die Leiterin von Medica Tirana, Neta Lohja (Mitte),
mit Klientinnen.
Die Schwerpunkte der Arbeit von Medica Tirana sind:
Aufklärungs- und Bildungsarbeit in den Slums von Tirana
Medica Tirana organisiert wöchentliche Bildungs- und Aufklärungskurse. 2004 fanden insgesamt 40 Gruppen statt, 282 Frauen nahmen teil. Diese Gruppen richten sich an die Frauen aus den Elendsviertel Bathore und Kinostudio als auch an ehemalige „Lagerfrauen“ und alleinstehende Frauen. In diesen Gruppen haben Frauen endlich die Gelegenheit, offen über Themen, die sie betreffen, zu sprechen. Werden in diesen Gruppen Frauen identifiziert, die Opfer von häuslicher und sexualisierter Gewalt sind, können sie an Beratungsgruppen teilnehmen oder individuelle Beratung in Anspruch nehmen.
Gruppen- und Einzelberatung traumatisierter Frauen
In den psychosozialen Gruppen- und Einzelberatungen finden die Frauen einen intensiveren Zugang zu ihren Gefühlen und Emotionen. Dort, wo traumatische Erfahrungen vorliegen, werden diese je nach Gruppe behutsam angesprochen und vertieft bearbeitet. 2004 fanden 42 Trauma-Gruppenberatungen statt, an denen 234 Frauen teilnahmen. 40 Frauen erhielten eine individuelle Beratung.
Gynäkologische Behandlung und Beratung
Die gynäkologische Klinik berät und behandelt unter Stress stehende oder traumatisierte Frauen mit psychosomatischem Ansatz. Auch in den Aufklärungs- und Bildungsgruppen wird auf die gynäkologische Praxis aufmerksam gemacht. Auf diese Weise konnten 2004 720 Frauen gynäkologisch beraten und betreut werden.
Berufskurse
Eine wichtige Säule im Angebot von Medica Tirana sind Berufskurse im Kochen oder Nähen. Diese dreimonatigen Kurse haben zwei Ziele: zum Einen dienen sie dem Kontaktaufbau und Austausch unter Frauen verschiedener Herkunft und Hintergrunds, wirken deren Isolation und Vereinsamung entgegen, regen zu gegenseitiger Solidarität an. Zum anderen enden die Kurse mit einem Zertifikat, das die Chancen der Frauen auf dem Arbeitsmarkt erheblich erhöht. 2004 haben 160 Frauen Koch- und Nähkurse absolviert: 123 Frauen haben bereits dank Unterstützung von Medica Tirana einen Arbeitsplatz gefunden.
Soziale Aktivitäten
Um vor allem die Frauen aus Kinostudio und Bathore aus ihrer Isolation zu holen und ihnen die Angst vor der Metropole Tirana zu nehmen, führen die Beraterinnen von Medica Tirana regelmäßig soziale Aktivitäten durch. Dazu gehören Museums- oder Schwimmbadbesuche, Ausflüge und vieles mehr. Auch die ehemaligen „Lagerfrauen“ sollen so Dinge erleben, die ihnen in oft jahrzehntelanger Haft verwehrt geblieben sind.
Multiplikation und Vernetzung
Immer mehr zielt das Medica Tirana-Team darauf ab, Kenntnisse über Gewalt gegen Frauen, Trauma, sexualisierte Gewalt, Gefahr der Frauenhandels und so weiter an Berufsgruppen zu vermitteln, die damit unmittelbar in Kontakt sind. Dazu gehören LehrerInnen, PolizistInnen, Krankenhauspersonal und viele mehr.
Essensverteilung an bedürftige Frauen
Viele Frauen, die von Medica Tirana betreut werden, leben in großer Armut. Das Geld reicht häufig nicht einmal für das tägliche Essen, so dass viele Frauen und Kinder unterernährt sind und entsprechend an Folgekrankheiten leiden. Seit fünf Jahren erhält Medica Tirana Unterstützung durch das "World Food Programme" der UN. Medica Tirana identifiziert die bedürftigsten Frauen und verteilt an sie monatlich Essenspakete, um so ihre Lebenssituation zu verbessern. 2004 konnten an 200 Frauen Lebensmittelpakete verteilt werden.
Ein ausführlicher Überblick über die Tätigkeit von Medica Tirana findet sich im Länderbericht Albanien 2004
.
Die Zielgruppen von Medica Tirana
Ehemalige „Lagerfrauen“
Medica Tirana arbeitet mit Frauen, die Überlebende des Hoxha-Regimes sind und teilweise ihr ganzes Leben (bis zu 45 Jahre) in den Arbeitslagern des kommunistischen Regimes verbracht haben. Traumatisiert von den schlimmen Erfahrungen von Freiheitsentzug, härtester Zwangsarbeit, Mangelernährung, Stigmatisierung, Brutalität, oft auch sexualisierter Gewalt und Folter, zum größten Teil ohne Ersparnisse – vor allem auch ohne angemessene staatliche Entschädigung - stehen diese Frauen im wirtschaftsschwachen Albanien nun neuen Problemen gegenüber.
Frauen aus den Slums von Tirana
Eine weitere Zielgruppe von Medica Tirana bilden Frauen, die in Slums rund um die Hauptstadt Tirana in äußerster Armut und einer oft gewalttätigen Umgebung leben. Viele dieser Frauen kommen aus dem armen Norden und Westen Albaniens, wo teilweise noch der „ Kanun“ über den offiziellen Gesetzen steht.
Alleinstehende Frauen
Die dritte Zielgruppe sind alleinstehende Frauen, die ohne männliches Familienoberhaupt nicht nur wirtschaftlichen Problemen gegenüberstehen, sondern oft auch gesellschaftlich „geächtet“ werden.
Finanzierung von Medica Tirana
Um die Lebenssituation der Frauen in Albanien zu verbessern, unterstützt der Weltgebetstag (WGT) die Arbeit von Medica Tirana von 2004-2006 mit einer jährlichen Fördersumme von ca. 30.000 €. Der Südtiroler Landtag hat das Projekt 2004 mit einer Fördersumme von 65.000 € gefördert. 2005 ist die Finanzierung jedoch noch nicht vollständig gesichert. Die noch fehlende Fördersumme von rund 80.000 € muss ausschließlich aus Spenden getragen werden.
Weitere Informationen:
Interview mit der Leiterin von Medica Tirana, Neta Lohja
Schicksalsbericht einer Überlebenden des Hoxha-Regimes
Aufklärungsarbeit in den Slums von Tirana
Zahlen und Fakten zu Albanien
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© medica mondiale e.V. · 21.11.2006



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