
Menschenrechte – auch für Frauen!
Gewalt in der Familie, Zwangsverheiratung, Vergewaltigung oder Ehrenmorde sind schwerwiegende Menschenrechtsverletzungen, denen Mädchen und Frauen in Afghanistan tagtäglich ausgesetzt sind. Für viele afghanische Frauen und Mädchen ist diese Gewalt unerträglich. Manche von ihnen sehen sie nur noch einen Ausweg: sich das Leben zu nehmen.
Medica Afghanistan setzt sich daher auch auf politischer und gesellschaftlicher Ebene kontinuierlich für die Umsetzung und Verwirklichung gleicher Rechte für Frauen in Afghanistan ein. Durch die praktische psychosoziale und rechtliche Unterstützung von Frauen und Mädchen kennt Medica Afghanistan die Fakten über die Situation von Frauen genau. So kann das Team politische Konzepte und Kampagnen erarbeiten, um auf Politik und Gesellschaft Einfluss zu nehmen.
Kampf gegen Kinder- und Zwangsverheiratung
Sowohl Kinder- als auch Zwangsverheiratungen sind illegal nach afghanischem Gesetz, das gesetzlich festgelegte Mindestalter für die Ehe liegt bei 16 Jahren. Dennoch werden bis heute rund 80 Prozent aller Ehen unter Zwang geschlossen, die Hälfte der Ehefrauen ist bei der Heirat unter 16 Jahre alt. Da Eheschließungen nicht systematisch registriert werden, gibt es keine staatliche Kontrolle. Studien belegen, dass über 60 Prozent der Frauen, die als Kinder verheiratet oder zur Ehe gezwungen wurden, in den Familien des Ehemannes Gewalt ausgesetzt sind.
Viele der afghanischen Mädchen, die im Kindesalter verheiratet werden, werden viel zu früh schwanger. Dies führt zu gesundheitlichen Problemen während Schwangerschaft und Geburt, weil der Körper von beispielsweise 12-Jährigen nicht auf eine Schwangerschaft vorbereitet ist. Die Folge: schwere chronische Schäden, nicht selten der Tod. Die erzwungene Trennung der Frauen von ihren Ursprungsfamilien, häufig verbunden mit massiver Gewalt in der Familie des Ehemannes, hat außerdem immense Auswirkungen auf die Psyche der Mädchen.
Aufklärung über Kinderrechte und gesetzmäßige Eheschließungen
Medica Afghanistan setzt sich daher gezielt gegen Kinder- und Zwangsverheiratungen ein und klärt Familien, Gemeinden und Richter über die Folgen solchen Ehen auf. 2009 wagte die Organisation einen einzigartigen Vorstoß: In Zusammenarbeit mit dem afghanischen Ministerium für islamische Angelegenheiten wurden erstmals im September 2009 36 Mullahs, geistliche Führer aus Kabul und Umgebung, zu Kinderrechten und gesetzmäßiger Eheschließung geschult. Ein zweites Training fand im Mai 2010 mit einer weiteren Gruppe Geistlicher aus Herat statt. Bericht über die Schulungen von afghanischen Mullahs
Bereits 2005 hatte medica mondiale eine Kampagne gegen Kinder- und Zwangsverheiratung in Afghanistan gestartet. Gemeinderäte und Justizbehörden wurden über gesundheitliche Schäden und psychische Belastungen der Betroffenen aufgeklärt. 2007 führte medica mondiale zudem eine große Aktion zur Ehe-Registrierung durch: Heiratszertifikate wurden erstellt, Poster gedruckt, Radiospots produziert und die ersten 35 Richter geschult. Das Ziel: mit Registrierungen Zwangsehen und Kinderheiraten verhindern.
Aus der Praxis: Lieber sterben als weiter leiden – Eine Afghanin berichtet
Meine Kusine wurde als 20-Jährige im April 2005 verheiratet. Nach einem Jahr ging ihr Mann in den Iran, um dort zu arbeiten. Meine Kusine, noch kinderlos, blieb bei den Schwiegereltern und wurde von ihnen sehr schlecht behandelt. Die Eltern ihres Mannes verhöhnten und beleidigten sie, da sie noch nicht schwanger geworden war. Sie drohten damit, ihren Sohn mit einer zweiten Frau zu verheiraten. Meine Kusine litt deshalb unter Depressionen und versuchte, sich selbst zu verbrennen. Als ich davon hörte, eilte ich zu ihrem Haus, um sie zu sehen. Sie war nicht ins Krankenhaus gebracht worden. Ich fragte die Schwiegereltern, warum sie versucht hatte, sich zu verbrennen. „Weil sie verrückt is.“ antworteten sie. Meiner Kusine ging es sehr schlecht, aber sie konnte noch sprechen. Ich fragte auch sie, warum sie das getan hatte. „Ein einziger Tod ist besser, als jeden Tag aufs Neue zu sterben“, sagte sie. Meine Kusine starb 24 Stunden später an den Folgen ihrer unbehandelten Brandverletzungen.
Gewalt an Frauen verhindern – per Gesetz
2009 trat ein neues Gesetz in Kraft, das verschiedene Formen von Gewalt an Frauen definiert und unter Strafe stellt. Erstmals gilt nun Vergewaltigung in Afghanistan als Straftatbestand, ebenso wird Gewalt in der Familie ausdrücklich als Straftat anerkannt. Das Leben vieler afghanischer Frauen könnte sich dadurch verbessern, doch bislang findet das Gesetz noch kaum Anwendung. Bei Richtern, Staatsanwälten und StrafverteidigerInnen ist die neue Regelung kaum bekannt, geschweige denn akzeptiert. Medica Afghanistan hat sich daher zum Ziel gesetzt, Gesellschaft und Justiz über das Gesetz zu informieren und für seine Akzeptanz zu werben.
Revision des Familiengesetzes
Das afghanische Familienrecht beinhaltet einige Regelungen, die nachteilig für Frauen und Mädchen sind, so zum Beispiel, dass Männer sich ohne Angabe von Gründen von ihrer Frau scheiden lassen können; Frauen hingegen nicht. Darüber hinaus werden Kinder im Falle einer Scheidung in der Regel meist dem Vater zugesprochen. Momentan können Mädchen nur bis zum Alter von neun Jahren und Jungen bis zum Alter von sieben Jahren bei der Mutter bleiben. Medica Afghanistan ist Mitglied einer Kommission aus VertreterInnen von Regierung und Zivilgesellschaft, die sich für eine Änderung des Familiengesetzes einsetzt. 2010 hat die Kommission einen Neuentwurf des Gesetzes vorgelegt.
Darin sind folgende Änderungen vorgeschlagen:
- Das Mindest-Heiratsalter für Mädchen soll von 16 auf 18 Jahre angehoben werden.
- Scheidung aufgrund von Gewalt in der Familie und aufgrund von Abwesenheit des Mannes soll für Frauen vereinfacht werden.
- Kinder sollen nach einer Scheidung länger bei der Mutter bleiben können.
Der neue Entwurf wird nun vom Justizministerium geprüft und soll anschließend dem Parlament vorgelegt werden. Da die konservativen Kräfte in der afghanischen Regierung und speziell im Justizministerium sehr stark sind, steht zu befürchten, dass das Gesetz dort blockiert wird. Daher hat Medica Afghanistan beschlossen, die Annahme des Gesetzes zu einem weiteren Schwerpunkt ihrer politischen Arbeit zu machen. Durch Gespräche mit Angehörigen der Regierung und des Parlaments werben die Mitarbeiterinnen für die Akzeptanz der Vorschläge.





