medica mondiale Liberia, Fish Town
Fast 15 Jahre lang, von 1989 bis 2003, herrschte Bürgerkrieg in Liberia. Kämpfende Regierungseinheiten und Rebellen rissen das Land in einen Strudel aus nicht endender Gewalt. Vor allem Frauen waren Opfer dieses Krieges. Sie verloren nicht nur ihre Familien, sie wurden zudem verstümmelt, sexuell missbraucht, als Zwangsprostituierte verkauft oder zu Soldatinnen gemacht. Schätzungsweise zwei von drei Frauen wurden in dieser Zeit vergewaltigt – das entspricht knapp einer Millionen Frauen.
Ein Hoffnungsschimmer ist die 2006 gewählte Präsidentin Ellen Johnson-Sirleaf. Ihr Bestreben, den Frauen Rechte zu verschaffen, dringt jedoch nur langsam in die ländlichen Regionen vor. Trotz strengster Gesetzgebung gegen sexualisierte Gewalt gehören Vergewaltigungen nach wie vor zu den häufigsten Verbrechen und läuft die Mehrheit der Täter straffrei herum.
Seit 2006 engagiert sich medica mondiale im strukturschwachen Südosten Liberias – in einem Gemeinschaftsprojekt mit der Deutschen Welthungerhilfe zur medizinischen und psychosozialen Versorgung und Betreuung liberianischer Frauen. Ziel ist es, die Lebenssituation der Frauen zu verbessern und vorbeugende Maßnahmen zur Verhinderung von Gewalt gegen Frauen umzusetzen. Finanziert wird das Projekt vom Bundesministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung und ist dabei Teil eines Programms der Kreditanstalt für Wiederaufbau.
Das Leben der Frauen nach dem Bürgerkrieg
Die jahrelangen Kämpfe haben Liberia nicht nur ruiniert und dessen Infrastruktur zerstört, auch familiäre Beziehungen und soziale Netze sind zerrüttet. Der Status der Frauen hat sich in der Nachkriegsgesellschaft keineswegs zum Positiven verändert. Nach wie vor sind sie schutzlos Vergewaltigung und Unterdrückung ausgesetzt. Für ihre Existenz und die ihrer Kinder müssen sie oft hart arbeiten und kämpfen.
Das Frauenzentrum in Fish Town
Im Mai 2006 startete medica mondiale im Südosten Liberias ein breit angelegtes Projekt. Es konzentriert sich auf die ärmsten und am wenigsten erschlossenen Gebiete Liberias. Erste und wichtigste Maßnahme war die Errichtung eines Frauenzentrums in Fishtown, der Hauptstadt der Provinz River Gee. Dank der vielen Helferinnen vor Ort konnte das Frauenzentrum im November 2007 eingeweiht werden. Binnen kurzer Zeit hat es sich zu einer wichtigen Anlaufstelle für Frauen und Mädchen aus der ganzen Umgebung entwickelt. Frauen können sich dort unbehelligt treffen und so Schutz vor der täglichen Gewalt finden.
Psychoziale Betreuung und Ausbildung
Oberstes Ziel des gegründeten Frauenzentrums in Fishtown ist, den Frauen einen Neuanfang in der liberianischen Gesellschaft zu ermöglichen. In Traumaarbeit und psychosozialer Unterstützung geschulte Beraterinnen helfen die Frauen dabei, ihre traumatischen Kriegserlebnisse zu verarbeiten und so neue Lebensperspektiven zu entwickeln. Und: Sie werden in einem Handwerk ausgebildet, damit sie sich einen bescheidenen Lebensunterhalt verdienen können.
Aufklärung und Prävention
Gewalttätige Übergriffe gehören auch in der Nachkriegszeit zum Alltag von Frauen. Daher gilt es, Mädchen und Frauen auch in Zukunft wirksam vor Gewalt und Übergriffen zu schützen. Die direkte Unterstützung von Frauen und Mädchen wird daher kombiniert mit Präventionsarbeit und gesellschaftlicher Aufklärung in den Gemeinden. Auch werden SOS-Schutzgruppen in den Dörfern aufgebaut, um Frauen sofort zu helfen, wenn sie vergewaltigt oder zusammengeschlagen wurden.
Rechte für die Frauen Liberias
Über die lokale Projektarbeit hinaus ist medica mondiale Liberia auf nationaler Ebene aktiv. In der Hauptstadt Monrovia kooperiert medica mondiale mit zivilgesellschaftlichen Organisationen und sozialen Einrichtungen, um Einfluss auf nationale Strategien, Richtlinien und Gesetzgebung der liberianischen Regierung auszuüben. Mit Dokumentation von Gewalt gegen Frauen, sowie mit Fallbeispielen und Hintergrundanalysen verfolgt medica mondiale das Ziel, auf die prekäre Lage liberianischer Frauen aufmerksam zu machen. Nur so kann ein Bewusstsein geschaffen werden, damit Frauen zukünftig geschützt werden können.