
Juristische Begleitung von Opfern sexualisierter Gewalt
Projektförderung in Nazareth, Israel
Seit 1992 unterstützt die israelische Frauenorganisation Women Against Violence (WAV) – Frauen gegen Gewalt – arabische-palästinensische Frauen, die in Israel leben und von sexualisierter Gewalt betroffen sind. Women against Violence ermutigt diese Frauen dazu, vor Gericht zu gehen und sich gegen das Unrecht zu wehren.
WAV gründete das erste Frauenhaus für arabische-palästinensische Frauen in Israel, das unter anderem einen 24-Stunden-Notruf betreibt. Darüber hinaus leistet WAV Aufklärungs- und Öffentlichkeitsarbeit im Kampf gegen familiäre Gewalt, Ehrenmorde, sexuellen Missbrauch und setzt sich für Frauenrechte in Israel ein. Inzwischen gehört die Organisation zu einer der wichtigsten Anlaufstellen für arabisch-palästinensische Frauen in Israel.
Die Arbeit von WAV steht dabei in einem komplizierten Spannungsfeld: zwischen der Ausgrenzung der arabisch-palästinensischen Minderheit durch die israelische Regierungspolitik auf der einen Seite und den herrschenden traditionellen und patriarchalen Männlichkeitsbildern in der arabisch-palästinensischen Gesellschaft auf der anderen.
WAV engagiert sich auch im Bündnis mit verschiedenen anderen Organisationen für Frieden in der Region, indem sie unter anderem den Austausch und Dialog zwischen arabisch-palästinensischen und jüdischen Israelinnen fördert. In Anerkennung dieser wichtigen friedenspolitischen Arbeit wurde Aida Touma-Suliman, die Direktorin von WAV als eine der 1.000 Friedensfrauen für den Friedensnobelpreis 2005 nominiert. 2008 war sie Preisträgerin des New Israel Fund, der AktivistInnen mit innovativen Strategien für soziale Veränderungen in Israel auszeichnet.
Rechtshilfe und Unterstützung von Klägerinnen und Zeuginnen
Schätzungen zufolge erstatten gerade einmal zehn Prozent der Opfer von sexualisierter Gewalt Anzeige bei der Polizei. Scham und die Angst vor der Reaktion der Familie lassen einen öffentlichen Umgang mit den Gewaltfällen oft nicht zu. Häufig droht arabischen-palästinensischen Frauen der Ausschluss aus der Familie – in extremen Fällen sogar der Tod im Namen der Familienehre. Dazu kommt, dass viele als weibliche Angehörige der palästinensischen Minderheit im Staat Israel befürchten, von den jeweiligen zuständigen Behörden nicht ernst genommen zu werden.
Wichtig ist es, die wenigen Frauen zu unterstützen, die den Mut finden, die Täter anzuzeigen und vor Gericht auszusagen. Die Mitarbeiterinnen von WAV leisten diesen Frauen wichtigen Beistand, sie vermitteln ihnen juristische Beratung und helfen im Umgang mit den Behörden. Sie begleiten die Frauen während des gesamten Verfahrens und achten darauf, dass der Fall schnell und fair verhandelt wird, um die seelische Belastung der Frauen möglicht gering zu halten.
Der Kontakt zu betroffenen Frauen entsteht durch die „Union of Rape Crisis Centers“ – ein Zusammenschluss von verschiedenen Anlaufstellen für Überlebende geschlechtsspezifischer Gewalt. In den drei Jahren der Zusammenarbeit wurden rund 145 Frauen begleitet, die sexualisierte Gewalt überlebt haben – 220 weitere Frauen wurden bei ihrer Klage gegen physischen und emotionalen Missbrauch unterstützt.
Die Prozessbegleitung sieht in einigen Fällen außerdem eine professionelle therapeutische Begleitung der Klägerinnen vor. Psychologinnen helfen den Klägerinnen, sich emotional auf den Prozess vorzubereiten und ihn durchzustehen.
Sensibilisierung von Polizei und Justiz
Wie die Studie „Attitudes towards the Status and rights of Palestinian Women in Israel“ gezeigt hat, befürchten viele arabisch-palästinensische Frauen in Israel, dass ihre Beschwerden oft nur sehr schwerfällig behandelt werden. Vor Gericht gebe es häufig keine Übersetzung, obwohl das vorgeschrieben sei; in den Polizeistationen der arabisch-palästinensischen Kommunen fehlten oftmals weibliche Polizeibeamte, so unter anderem für die Durchführung körperlicher Untersuchungen.
WAV führt daher Workshops unter anderem bei der Polizei, bei der Justiz, bei LehrerInnen, Eltern und RechtsanwältInnen durch. Immer geht es darum, Verständnis für die Gewaltopfer zu vermitteln und die Folgen einer möglichen Straflosigkeit zu verdeutlichen.
Erste Erfolge zeigen sich darin, dass inzwischen im gesamten Norden Israels immer mehr Frauen über Krisenzentren, Krankenhäuser und andere soziale Einrichtungen – vielfach auch direkt von der Polizei – an Women against Violence verwiesen werden. Insgesamt ist die Anzahl der Frauen, die sich in Folge der Beratung mit einer Anzeige an die Polizei wenden, in den letzten Jahren deutlich angestiegen. Das ist ein wichtiges Signal an die Gesellschaft, dass derartige Verbrechen auch juristische Konsequenzen haben.

