Menschenrechte – auch für Frauen!
Häusliche Gewalt, Zwangsverheiratung, Vergewaltigung oder Ehrenmorde sind schwerwiegende Menschenrechtsverletzungen, denen Mädchen und Frauen in Afghanistan tagtäglich ausgesetzt sind. Für viele afghanische Frauen und Mädchen ist die alltägliche Gewalt oft unerträglich. Häufig sehen sie nur noch einen Ausweg: sich das Leben zu nehmen.
medica mondiale Afghanistan setzt sich daher auch auf politischer Ebene kontinuierlich für die Umsetzung und Verwirklichung gleicher Rechte für Frauen in Afghanistan ein. Jedes Jahr führt medica mondiale zu einem Schwerpunktthema eine Aufklärungskampagne durch. 2005 stand die Kinder- und Zwangsverheiratung im Mittelpunkt und 2006 wurde über Gründe und Ausmaß der Selbstverbrennung von Frauen und Mädchen aufgeklärt. Die weitreichenden Auswirkungen von Gewalt auf die Gesundheit von Frauen und Mädchen sind im Jahr 2007 Schwerpunkte der Lobbyarbeit von medica mondiale Afghanistan.
Zwangsverheiratung von Kindern
Auch wenn es gesetzlich verboten ist, werden in Afghanistan weiterhin Kinder verheiratet. Laut afghanischem Zivilrecht liegt das Mindestheiratsalter für Frauen bei 17 Jahren. Es gibt jedoch keine staatliche Kontrolle, da Eheschließungen nicht systematisch registriert werden. Zudem werden die jungen Frauen und Mädchen in der Regel ohne die Chance eigener Zustimmung oder Ablehnung verheiratet.
Viele der afghanischen Mädchen, die noch im Kindesalter zwangsverheiratet werden, werden viel zu früh schwanger. Dies führt zu gesundheitlichen Problemen während Schwangerschaft und Geburt, weil der Körper von 12-jährigen nicht auf eine Schwangerschaft vorbereitet ist. Die Folge davon: schwere chronische Schäden, häufig der Tod. Die erzwungene Trennung der Frauen von ihren Ursprungsfamilien, häufig verbunden mit massiver Gewalt in der Familie des Ehemannes, hat außerdem immense Auswirkungen auf die Psyche der jungen Mädchen.
Kampagne gegen Kinder- und Zwangsverheiratung
medica mondiale Afghanistan startete 2005 eine Kampagne gegen Kinder- und Zwangsverheiratung. Gemeinderäte und Justizbehörden wurden über gesundheitliche Schäden und psychische Belastungen der Betroffenen aufgeklärt. Im März 2007 führte medica mondiale eine große Aktion zur Ehe-Registrierung durch: Heiratszertifikate wurden erstellt, Poster gedruckt, Radiospots produziert und die ersten 35 Richter geschult. Das Ziel: Mit Registrierungen Zwangsehen und Kinderheiraten verhindern.
Aus der Praxis: Lieber sterben als weiter leiden – Eine Afghanin berichtet
Meine Kusine wurde als 20-Jährige im April 2005 verheiratet. Nach einem Jahr ging ihr Mann in den Iran, um dort zu arbeiten. Meine Kusine, noch kinderlos, blieb bei den Schwiegereltern und wurde von ihnen sehr schlecht behandelt. Die Eltern ihres Mannes verhöhnten und beleidigten sie, da sie noch nicht schwanger geworden war. Sie drohten damit, ihren Sohn mit einer zweiten Frau zu verheiraten. Meine Kusine litt deshalb unter Depressionen und versuchte, sich selbst zu verbrennen. Als ich davon hörte, eilte ich zu ihrem Haus, um sie zu sehen. Sie war nicht ins Krankenhaus gebracht worden. Ich fragte die Schwiegereltern, warum sie versucht hatte, sich zu verbrennen. „Weil sie verrückt is.“ antworteten sie. Meiner Kusine ging es sehr schlecht, aber sie konnte noch sprechen. Ich fragte auch sie, warum sie das getan hatte. „Ein einziger Tod ist besser, als jeden Tag aufs Neue zu sterben“, sagte sie. Meine Kusine starb 24 Stunden später an den Folgen ihrer unbehandelten Brandverletzungen.
Selbstverbrennung
Die Zahl der Selbstverbrennungen hat in den letzten Jahren dramatisch zugenommen. Vielen Afghaninnen scheint ihre Selbsttötung als letzter Ausweg aus der allumfassenden seelischen und wie körperlichen Gewalt. Sie entziehen sich damit häuslicher Gewalt, Zwangsverheiratung oder der ‚Badla‘. Mit ‚Badla‘ wird ein Brauch bezeichnet, bei dem zur Beilegung eines Konflikts zwischen zwei Familien ein Mädchen zur Wiedergutmachung „übergeben“ wird.
Die häufigste Methode, um Unterdrückung und Gewalt zu entkommen, ist die Selbstverbrennung. Im Hause eingesperrt bleibt den Frauen oftmals nur Brennstoff als Mittel zur Selbsttötung. Denn dieser ist in jeder Küche vorhanden. 80 Prozent der Betroffenen sterben an ihren Verbrennungen, da der Verbrennungsgrad meist sehr hoch ist. Häufig aber auch, weil sie von ihren Familien zu spät oder gar nicht ins Krankenhaus gebracht werden.
Studie untersucht Selbsttötungen durch Selbstverbrennung
Selbstverbrennung ist in der afghanischen Gesellschaft ein großes Tabu und wird möglichst verschwiegen, um der Familie die vermeintliche Schande zu ersparen. Die Ursachen und das Ausmaß dieser Selbsttötungen sind in der afghanischen Öffentlichkeit kaum bekannt. Mitarbeiterinnen von medica mondiale Afghanistan haben deshalb in 2006 in drei afghanischen Provinzen die genaueren Umstände von Selbstverbrennungen untersucht. Anhand der Studienergebnisse wurde in Kabul ein Aktionsplan zur Aufklärung und Prävention von Selbstverbrennungen erarbeitet.
> weiter zur Studie „Dying to be heard“
Recht auf Gesundheit
Die Mehrheit der afghanischen Frauen hat keinen Zugang zu angemessener medizinischer Versorgung. Viele Familien verbieten ihren weiblichen Angehörigen nach wie vor, sich von männlichen Ärzten untersuchen zu lassen. Zusammen mit der allgemeinen medizinischen Mangelversorgung führt das in Afghanistan zu einer der höchsten Kinder- und Müttersterblichkeitsraten weltweit. Von 1000 werdenden Müttern sterben circa 16 an Komplikationen während der Schwangerschaft oder bei der Geburt.
Um die Auswirkungen von Gewalt an Frauen – insbesondere auf ihre Gesundheit – zu untersuchen, führte medica mondiale Afghanistan 2007 eine Studie in Kabul, Mazar und Jalalabad durch. Befragt wurden Betroffene und deren Familien, Ministerien, Gesundheitspersonal, LehrerInnen und Nichtregierungsorganisationen. Mit den Ergebnissen der Untersuchung sollen Gesellschaft und Regierung über die gesundheitlichen Folgen von Gewalt – insbesondere auch durch Kinderehen – aufgeklärt und auf die katastrophale Situation afghanischer Frauen hingewiesen werden.

