Ausbildung und Vernetzung medizinischer Fachfrauen

2002 hat medica mondiale Afghanistan das Programm „Doctorane Omid – Ärztinnen der Hoffnung“ ins Leben gerufen. Ziel war es, einen traumasensitiven medizinischen Ansatz in staatlichen afghanischen Krankenhäusern einzuführen. 28 in Deutschland lebende afghanische Ärztinnen waren bis 2007 in insgesamt elf Krankenhäusern in Kabul und Umgebung, Herat, Pol-e Khomri und Kandahar tätig. In über 60 Kurzzeiteinsätzen behandelten die exilafghanischen Ärztinnen aus Deutschland mehr als 10.000 Patientinnen. Wichtigstes Ergebnis der Einsätze: die Sensibilisierung des medizinischen Fachpersonals für die Folgen und Auswirkungen von sexualisierter Gewalt und die Weitergabe der Kenntnisse in Trauma und Psychosomatik an die afghanischen Kolleginnen vor Ort. 

Fortbildungen zeigen Wirkungen

Der traumasensitive Ansatz fand nach anfänglicher Skepsis breite Akzeptanz bei den Fachfrauen – und auch bei männlichen Kollegen. Die nachhaltigen Erfolge sind deutlich sichtbar. Viele der Ärztinnen und Krankenschwestern, die mit den exilafghanischen Ärztinnen zusammengearbeitet haben, berichteten, dass sie nun Traumata bei ihren Patientinnen besser wahrnehmen und angemessenen darauf reagieren können. Trotz des anstrengenden Krankenhausalltages nehmen sie sich mehr Zeit für die Frauen und Mädchen. Auch ihr Verhalten gegenüber den Patientinnen ist respektvoller als früher. Zudem haben viele der medizinischen Fachfrauen erkannt, dass sie selbst traumatische Erfahrungen gemacht haben.

Qualifizierungsprogramm für Fachfrauen im Krankenhaus

Zur weiteren Verankerung der frauenspezifischen Traumaarbeit im afghanischen Gesundheitswesen führt medica mondiale seit 2006 Trauma-Fachseminare für weibliches Krankenhauspersonal durch. Über drei Jahre hinweg erwerben 40 afghanische Ärztinnen, Krankenschwestern und Hebammen in fortlaufenden Fortbildungseinheiten Kenntnisse zu den Themen Trauma und Retraumatisierung, Psychosomatik und traumasensitiven Untersuchungs- und Behandlungsmethoden.
Dabei spielten auch Selbstschutztechniken eine Rolle. Sie helfen dabei, seelische Belastungen zu verarbeiten und verhindern, dass die Helferinnen durch den engen Kontakt und die intensive Arbeit mit traumatisierten Patientinnen selbst traumatisiert werden. Zusätzlich werden in den Krankenhäusern Vorträge und Fachgespräche angeboten, die der Sensibilisierung des männlichen Personals dienen.

Aus der Praxis: Aufklärung gegen Gewalt
Eine sechsfache Mutter kommt in die Klinik, um sich eine Spirale einsetzen zu lassen. Nach einigen Tagen kehrt sie zurück in die Klinik, um sich die Spirale wieder entfernen zu lassen. Sie ist nun in einem sehr schlechten Zustand, mit Blutergüssen am ganzen Körper, besonders im Genitalbereich. Ihr Ehemann hat nicht gewusst, was eine Spirale ist und daraufhin seine Frau geschlagen und versucht, die Spirale zu ziehen. Eine von medica mondiale Afghanistan geschulte Ärztin versucht daraufhin, ihn über Familienplanung aufzuklären. Vor allem verdeutlicht sie ihm, dass er es war, der seiner Frau einen großen körperlichen und seelischen Schaden zugefügt hat. Die Spirale dagegen hätte keinen Schaden verursachen können. Am Ende des Gesprächs fühlt sich der Mann offensichtlich beschämt und bedauert, dass er die Funktion der Spirale vorher nicht gekannt hat.

Vernetzung medizinischer Fachfrauen

Afghanische Ärztinnen, Krankenschwestern und Hebammen, die an den Qualifizierungsprogrammen von medica mondiale Afghanistan teilnehmen, gründeten im Mai 2006 in Kabul ein Netzwerk medizinischer Fachfrauen. Gemeinsam setzen sie sich für strukturelle Verbesserungen im staatlichen Gesundheitswesen ein, damit Frauen einen besseren Zugang zur medizinischen Versorgung und angemessene Behandlung erhalten.
Alle vier Wochen finden Netzwerktreffen statt, bei denen die Fachfrauen zukünftige Strategien diskutieren, sich aber auch gegenseitig unterstützen, stärken und beraten. Als eine der ersten Aktionen wandte sich das Netzwerk medizinischer Fachfrauen im September 2006 an das afghanische Gesundheitsministerium, um auf Probleme hinzuweisen, die bislang eine effiziente Arbeit erschweren. Gemeinsam mit den Behörden sollen Lösungen entwickeln werden, die den Frauen zu Gute kommen. Ein erster Schritt ist die Einrichtung von Beratungsräumen in den Krankenhäusern, damit Ärztinnen und Krankenschwestern in Ruhe mit Frauen, die möglicherweise Gewalt erlebt haben, reden können.