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19. August 2008

Pressemitteilung: Anklage gegen Karadžić muss Gewaltverbrechen gegen Frauen beinhalten! - Offener Brief an Chefankläger Brammertz

Köln, 19. August 2008. In einem Offenen Brief fordert die Frauenrechtsorganisationmedica mondialedenChefankläger des Internationalen Strafgerichtshofs fürdas ehemalige Jugoslawien auf, den Straftatbestand dersexualisierten Gewalt als eigenständigen Punkt in die Anklage gegen den mutmaßlichen Kriegsverbrecher RadovanKaradžić aufzunehmen. Gleichzeitig ruftmedica mondialeEinzelpersonen und Organisationen dazu auf, sich mitdem Versand dieses Briefes an den Chefankläger dem Appell anzuschließen.

Der Chefankläger des Internationalen Strafgerichtshofs für das ehemalige Jugoslawien, Serge Brammertz, hatte Ende Juli verdeutlicht, dass er die Anklage gegen Radovan Karadžić eher kürzen denn ausweiten will. Er wolle den Fall so effizient wie möglich vorbringen, erklärte er kurz vor der ersten Anhörung Karadžić's in Den Haag. In der bisherigen Anklageschrift vom 30. Mai 2000 ist Karadžić des Völkermordes, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt. Sexualisierte Gewalt findet lediglich drei Mal unter anderen Punkten Erwähnung - es gibt jedoch keine eigenständigen Anklagen wegen Vergewaltigung, Versklavung oder Folter von Frauen und Mädchen. Brammertz hatte angekündigt, die Anklageschrift bis zum nächsten Sitzungstermin des Tribunals am 29. August überarbeiten zu wollen, um die Rechtsprechung des Internationalen Strafgerichtshofes der vergangenen Jahre zu berücksichtigen.

medica mondiale befürchtet, dass sexualisierte Gewalt bei einer Überarbeitung - wie bereits so oft - vollständig aus der Anklage gegen Karadžić herausfallen könnte. "Dies wäre ein Skandal", so Gründerin und Vorstandsmitglied von medica mondiale Monika Hauser. "Aufgrund unserer langjährigen Arbeit seit 1993 in Bosnien-Herzegowina gehen wir von einer Verantwortung von Karadžić aus - ob es sich um die Massenvergewaltigungen in der bosnischen Stadt Foča handelt oder um Vergewaltigungen in den Lagern wie Omarska oder Keraterm. Karadžić ist einer der Hauptverantwortlichen für den Krieg; als solcher muss er für diese Taten zur Rechenschaft gezogen werden", so ihre Forderung.

In dem Brief an Chefankläger Brammertz verdeutlicht medica mondiale die Folgen von Straflosigkeit für die betroffenen Frauen und Mädchen: "Das individuelle Vergewaltigungs-Trauma wird potenziert durch das Stigma der Vergewaltigung, das sich in sozialer Ausgrenzung zeigt. Die Opfer dieser Verbrechen werden dazu verdammt, mit den Konsequenzen individuell umgehen zu müssen, wenn ihnen die volle Anerkennung der Schwere und des Ausmaßes von Kriegsvergewaltigungen verweigert wird. Eine klare, konsequente, sichtbare und entschlossene Verfolgung der Täter spielt eine entscheidende Rolle in der Anerkennung dieser Verbrechen; sie ist eine Grundvoraussetzung für jeden Heilungsprozess. Diese Frauen haben ein Recht auf Wiedergutmachung."

In einer Online-Aktion verschickt medica mondiale diesen Brief an hunderte Organisationen und Einzelpersonen mit der Bitte, sich durch den Versand des Schreibens an Brammertz der Forderung anzuschließen.