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15. Juli 2015

Monika Hauser: „Die Männer haben ihre Frauen nicht gefragt: ‚Was ist dir denn im Krieg passiert?‘, damit die Frauen nicht fragen: ‚Und was hast du dort getan?‘“

70 Jahre Ende des Zweiten Weltkriegs – ein Anlass, endlich über sexualisierte Kriegsgewalt zu sprechen? Im aktuellen Buch „Als die Soldaten kamen“ zeigt die Historikerin Miriam Gebhardt: Alliierte Soldaten haben im Zweiten Weltkrieg vergewaltigt – also auch die „Guten“. Die Zeitschrift GEO widmete im Mai einen Artikel den „Russenkindern“. Wir sprachen mit Monika Hauser über diese Menschenrechtsverletzungen der Soldaten.

In der Mai-Ausgabe der Zeitschrift GEO geht es um „Russenkinder“. Warum werden in Deutschland oft nur die Fälle sexualisierter Kriegsgewalt seitens der Rotarmisten erwähnt?

Monika Hauser: „Weil es bislang eine sehr einseitige Erforschung von sexualisierter Gewalt durch Alliierte im Zweiten Weltkrieg gab. In Westdeutschland hat man hat sich vor allem auf Vergewaltigungen durch die sowjetischen Soldaten konzentriert und damit lange ein Vorurteil bedient. Im Kalten Krieg wurden die vergewaltigten Frauen politisch instrumentalisiert und das rassistische Bild des ‚bösen Russen‘ hat gut gepasst. In der DDR sah das natürlich anders aus.“

 

Wurde in der DDR über sexualisierte Kriegsgewalt gesprochen mit „dem Amerikaner“ in der Rolle des „Bösen“?

Monika Hauser: „Das Thema der Vergewaltigungen durch Alliierte war bis vor kurzem deutschlandweit überhaupt kein Thema. In der DDR war es komplett tabuisiert, weil die Verbrechen der ‚guten Genossen‘ nicht thematisiert werden durften.

Daher konnten ab 1945 die Frauen in der sowjetisch besetzten Zone und später in der DDR nicht darüber sprechen. Erst mit dem Film „BeFreier und Befreite“ der Regisseurin Helke Sander Anfang der neunziger Jahre – übrigens dem ersten Film über dieses Thema – kam das Gespräch in Gang.“

 

In ihrem Buch „Als die Soldaten kamen“ zeigt die Historikerin Miriam Gebhardt, dass auch die Westalliierten Frauen vergewaltigt haben. Überrascht Sie das?

Monika Hauser: „Da kann ich eine grundsätzliche Antwort geben und sagen: Letztendlich bin ich nie überrascht, von sexualisierter Gewalt zu hören. Aber natürlich bin ich überrascht über das Ausmaß, das sie recherchiert und beschrieben hat. Das zeigt erneut, wie viele Jahrzehnte dieses Thema unter dem Deckel der Verschweigens und des Wegschauens versteckt bleiben kann. Das hat etwas mit dem Thema sexualisierte Gewalt an sich zu tun, aber auch mit der politischen Dimension. Das Thema war einfach nicht gewollt und die Frauen wurden damit komplett alleine gelassen.“

 

Vergewaltigung wurde mit der UN-Resolution 1820 als Kriegstaktik anerkannt. Die US-Soldaten vergewaltigten damals auch Frauen der Verbündeten in Großbritannien oder Frankreich. Wie lässt sich das erklären?

Monika Hauser: „Diese Vergewaltigungen können wir nicht im Sinne von Kriegstaktik oder Racheakten betrachten. Es handelt sich um sexualisierte Gewalt und wir müssen uns die Macht- und Gewaltstrukturen in den Heimatländern ansehen. Überall – ob in Frankreich oder den USA – haben wir patriarchale Gesellschaften, in denen es für Männer in Zeiten des Krieges ein probates Mittel des Machterhalts war und ist, zu vergewaltigen.

Daher erstaunt mich die Vergewaltigung Verbündeter nicht so sehr. Die Überschrift lautet immer ‚patriarchaler Kontext‘. Männer nutzen sexualisierte Gewalt gegen Frauen und Mädchen – und auch gegen Jungs – zum eigenen Machterhalt, zur Kontrolle und zur Demütigung. Aber spezifische Kriegskontexte geben spezifische Antworten und wir müssen jeweils genau hinschauen.

Welche Begründung kann man dafür finden, dass sowjetischen Soldaten bei der Befreiung des Konzentrationslagers Ravensbrück die zu Skeletten abgemagerten jüdischen Frauen vergewaltigt haben? Da ist man sprachlos! Wir müssen sehen, dass Krieg auch für die Männer nicht ‚gesund‘ ist. Sie werden traumatisiert, sowohl durch die Gewalt, die sie anderen antun, als auch die, welche sie mit anschauen müssen oder selbst erleben. Und was tun sie dann für abartige, bestialische Dinge! Damit will ich nichts entschuldigen, aber ich will aufzeigen: Krieg ist für niemanden gut.“

 

Die Zahlen schwanken stark. Gebhardt geht von 860.000 vergewaltigten Frauen in Deutschland aus, andere Quellen nennen zwei Millionen. Was halten Sie von den Berechnungen?

Monika Hauser: „Man sieht, dass niemand die wirklichen Zahlen kennt, ganz einfach! Es ist nichts dokumentiert worden, es gab keine Behörden, die funktioniert oder sich dieses Themas angenommen hätten.

In keinem Kriegskontext dieser Welt kennen wir die wirklichen Zahlen. Und ich frage bereits seit 20 Jahren: Wie zählen wir? Wenn eine Frau 30 Mal vergewaltigt worden ist, zählen wir dann 30 Vergewaltigungen oder eine? Die Frauen, die nach massiver Gewalt umgebracht worden sind, kommen in keiner Statistik vor. Zählen wir die auch mit oder nicht?

Miriam Gebhardt macht eine neue Art von Hochrechnung, die für Westdeutschland durchaus interessant ist. Ob es zulässig ist, dass sie die Zahlen für die DDR einfach mal zwei nimmt, ist allerdings fraglich. Weder kann man es widerlegen, noch kann man sagen, dass sie Recht hat, weil es niemand weiß. Aber ich finde es spannend, dass sie überhaupt diese bayerischen Quellen aufgetan hat und für Westdeutschland zu diesen Zahlen gekommen ist.“

 

Wenn die betroffenen Frauen noch leben würden, könnte man sie doch fragen?

Monika Hauser: „Wir haben bis jetzt noch nicht über das Schweigen gesprochen. Auch wenn die Frauen noch leben würden, würden sie nicht reden, das ist kein Argument. Man kann höchstens sagen, dass die Frauen nicht gefragt wurden, das war kein Thema nach dem Krieg. Für die Frauen in dieser patriarchalen deutschen Nachkriegsgesellschaft war es auch existenziell unmöglich darüber zu reden.

Schweigen, verschweigen und nicht gefragt werden. Die Männer haben ihre Frauen nicht gefragt: ‚Was ist dir denn im Krieg passiert?‘, damit die Frauen nicht fragen: ‚Und was hast du dort getan?‘. Denn sie wussten ja, dass ihre Ehemänner und Brüder im Osten das getan haben, was sie selbst erlebt haben. Daher gab es ein Schweigegebot, ein gesellschaftliches Schweigegebot bei beiden Geschlechtern. Zudem verbot es sich, in der Nachkriegszeit über eigene Gewalterfahrungen zu sprechen angesichts des überwältigenden Ausmaßes der Verbrechen durch das Nazi-Regime.“

 

Wo wir gerade bei den Tätern sind. Wurden die Täter in irgendeiner Weise strafrechtlich verfolgt? Gab es für die Frauen eine Möglichkeit, gegen sie vorzugehen?

Monika Hauser: „Die Antwort: Nein. Die Männer wurden vom deutschen Staat nicht belangt. Als das Prestige der Roten Armee durch das Bekanntwerden der massenhaften Vergewaltigungen zu leiden begann, erließ General Schukow Strafen, auch Todesstrafen. Dann war es ganz schnell vorbei mit den Vergewaltigungen. Das zeigt, wie schnell man diese Menschenrechtsverletzungen durch eine klare Haltung der Führung beenden könnte.

Auf amerikanischer Seite soll es auch Verurteilungen gegeben haben, schreibt Frau Gebhardt. Ich habe keinen Grund daran zu zweifeln, aber es kam nur in minimaler Zahl vor. Interessant ist noch, dass wohl viele schwarze US-Amerikaner verurteilt worden sind, weil sie weiße Frauen vergewaltigt haben. Rassismus spielt auch hier eine Rolle.“

 

Die „Besatzungskinder“ waren schlechter gestellt als uneheliche Kinder aus deutschen Beziehungen. Erst ab 1956 konnten die Frauen finanzielle Unterstützung bekommen. Wie wirkte sich das auf ihr Leben aus?

Monika Hauser: „Sie litten unter extremer ökonomischer Not, wurden sozial massiv ausgegrenzt und hatten ein schweres Trauma durch die Erlebnisse zu verkraften. Sie konnten das Geschehene mit niemandem teilen und bekamen keinerlei fachliche Unterstützung. In der ökonomischen Not waren sie alleine und auch mit der sozialen Ausgrenzung. Ihre Kinder waren, besonders wenn sie dunkelhäutig waren, auch sofort zu erkennen. Oder man wusste: ‚Diese Frau hat ein Kind und ist nicht verheiratet!‘ Ich wage zu bezweifeln, dass Frauen wirklich den Schritt gewagt und finanzielle Unterstützung beantragt haben.

Ökonomische Not, soziale Ausgrenzung und Trauma. Diese Mütter haben viel an ihre Kinder weitergegeben, so dass die Kinder selbst transgenerational traumatisiert sind. Wir sehen es in Bosnien, wir sehen es in Ruanda, die Frauen sind mit ihren Kindern sehr alleine und diese haben oft keine soziale Chance. Unsere langjährige Partnerorganisation SEVOTA in Ruanda unterstützt deshalb genau diese Frauen und ihre Kinder.“

 

Sie haben eben den Begriff „transgenerationales Trauma“ verwendet. Was bedeutet das?

Monika Hauser: „Das bedeutet, dass Menschen, die ihr eigenes Trauma nicht bearbeiten können, es ein Leben lang mit sich weitertragen, es an ihre Kinder weitergeben und an die nächsten Generationen. Wenn dieser Zusammenhang nicht bekannt ist, denken die späteren Generationen, dass sie aus ganz anderen Gründen Probleme haben.

Die Mütter hatten oft ‚gefrorene Seelen‘. Der Mann kommt von der Front zurück, die Frauen versuchten, irgendwie zu überleben, beide schweigen über das jeweils Erlebte. Sie gründen eine Familie, und Kinder zu bekommen war wenigstens eine Möglichkeit, um gesellschaftlich überhaupt einigermaßen anerkannt zu werden. Seelisch aber haben die Frauen komplett dicht gemacht.

Wenn Kinder von einer Mutter mit einer ‚gefrorenen Seele‘ erzogen werden und der Vater unter Umständen ebenfalls durch die Erlebnisse im Krieg traumatisiert ist, kann man sich vorstellen, in welchem häuslichen Ambiente diese Kinder aufgewachsen sind. Und dann ihre eigenen Störungen entwickelt haben, mit all den Folgen, die wir kennen. Suizide, schwere Post-Traumasymptome, Medikamenten- oder Alkoholmissbrauch, Bindungsunfähigkeit und so weiter.

Völlig abwesende Väter und gefrorene Mütter, das führte zu der Gesellschaft, in der wir auch heute noch leben. Und das schlimmste ist, die eigene Trauer, die eigenen Schmerzen, die man erlebt hat, nie benennen, nie bearbeiten zu können. Miriam Gebhardt sagt – was wir von medica mondiale auch schon lange feststellen – das wirklich erstaunlich Tragische am Krieg ist die Zeit danach: Schweigen, schweigen, schweigen.“

 

In der medica mondiale Themen-Broschüre „Zeit zu sprechen“ steht, dass die Franzosen ihre nordafrikanischen Söldner zum Vergewaltigen vorausgeschickt haben. Ahnten die Deutschen, was auf sie zukommt?

Monika Hauser:„Also die rassistische Propaganda in Deutschland – davon spricht Miriam Gebhardt auch – hat immer gesagt: ‚Wenn die Russen kommen, werden sie unsere Frauen schänden, missbrauchen…‘. Genau das ist dann natürlich auch passiert.

Was hatten deutsche Soldaten denn im Osten getan? Oder in Frankreich? Vielleicht haben die Deutschen gedacht, dass nur die Russen vergewaltigen und die Amerikaner, Engländer, Franzosen hoffentlich zivilisierter seien. Sie wurden dann eines Besseren belehrt.

Sie haben nicht umsonst die Mädchen versteckt. In der Region Freudenstadt zu Beispiel. Als ich letztes Jahr in Achern einen Vortrag gehalten habe, einem Städtchen direkt an der deutsch-französischen Grenze, haben mehrere ältere Leute davon gesprochen. Sie haben erzählt, dass es nie ein Thema gewesen wäre, aber sie genau wüssten, dass es passiert ist.

Dieses Wissen ist in der Bevölkerung bei den alten Leuten noch präsent. Wie können wir dieses Bewusstsein in die nächsten Generationen tragen? Deswegen war es höchste Zeit für ein Buch wie „Als die Soldaten kamen“. Und dass es jetzt, im 70. Jahr nach Kriegsende, einige Beiträge und Sendungen über sexualisierte Kriegsgewalt gibt. Wir von medica mondiale haben selten Möglichkeiten, diese unbequemen Themen zu transportieren, weil sie so selten in der deutschen Öffentlichkeit besprochen werden. Wir sind dankbar für jede Gelegenheit, die uns darin unterstützt, das Schweigen zu durchbrechen.“

Wir danken Monika Hauser für das Gespräch.

 

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"Über Generationen hinweg – Kriegsvergewaltigungen und Ihre weitreichenden Folgen" Karin Griese, Bereichsleiterin Trauma-Arbeit bei medica mondiale, erläutert die generationenübergreifenden Auswirkungen von Kriegsvergewaltigungen an Frauen. Erschienen im memo 1/2014, S. 6/7.