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07. Mai 2010

Gedenken an vergewaltigte Frauen des Zweiten Weltkrieges gefordert

Pressemitteilung: Anlässlich des 65sten Jahrestages der Befreiung vom Nationalsozialismus fordert die Frauenrechts- und Hilfsorganisation medica mondiale, dass endlich das Leid der Millionen Frauen öffentlich gewürdigt wird, die während des Zweiten Weltkrieges vergewaltigt wurden. Allein von Soldaten der sowjetischen Roten Armee waren in den letzten Kriegstagen und danach schätzungsweise knapp 1,9 Millionen Frauen vergewaltigt worden, davon rund 1,4 Millionen in den damaligen deutschen Ostgebieten und während Flucht und Vertreibung.

Hunderttausende Frauen wurden Ende April 1945 in Berlin Opfer von Vergewaltigung. Auch in den westlichen Gebieten kam es zu Vergewaltigungen, hier durch Angehörige der amerikanischen, britischen und französischen Streitkräfte, ebenso wie die Deutschen auf ihren Einmärschen Frauen der gegnerischen Seite vergewaltigten und in Konzentrationslagern inhaftierte Frauen in Bordellen zur Prostitution zwangen. Viele Frauen wurden nach den Vergewaltigungen ermordet oder sie nahmen sich selbst das Leben.

„Diesen vielen Frauen wurde noch nie in einem angemessenen Rahmen öffentlich gedacht“, so das geschäftsführende Vorstandsmitglied von medica mondiale, Monika Hauser: „Nie galt ihnen eine Rede einer Kanzlerin oder eines Bundespräsidenten, niemand widmete ihnen ein Mahnmal, niemand machte je ernsthafte Anstrengungen für eine Entschädigung.“ Es bliebe nicht mehr viel Zeit, um die leidvollen Erlebnisse, aber auch die Kraft der noch wenigen Überlebenden anzuerkennen. „Eine öffentliche Würdigung auf hoher politischer Ebene ist mehr als überfällig“. Viele dieser Frauen hätten ein Leben lang unter den Kriegsvergewaltigungen gelitten, nicht ausschließlich wegen des Schrecklichen der Tat, sondern wegen der fehlenden Möglichkeit, darüber sprechen zu können und aufgrund der Angst, ausgegrenzt zu werden.

Sie habe viele Gespräche mit alten Frauen geführt, so Hauser. Viele hätten sie ermuntert, in ihrem Engagement für vergewaltigte Frauen in heutigen Kriegen fortzufahren, damit es keiner mehr so gehen müsse wie ihnen, die Jahrzehnte nicht darüber reden konnten. „Diejenigen, die mutig ihren Ehemännern davon berichtet hatten, mussten sich teilweise vorwerfen lassen: Wie konntest du mir so etwas antun? Eine Frau sagte, dass sie von einer vielfachen Vergewaltigung durch Russen viele Jahre später – sie hatte da schon drei erwachsene Kinder – endlich ihrem Ehemann erzählte, der dann sagte: Hättest du mir das damals gesagt, hätte ich dich nie geheiratet,“ berichtet Hauser.

Neben einer öffentlichen Würdigung sei es für die inzwischen alten Frauen auch wichtig, dass sie alle nötige Unterstützung erhielten. Viele von ihnen seien jetzt in Pflegeheimen und würden durch unsensible Behandlung und aus Unkenntnis erneut traumatisiert. „Diese Frauen müssen respektvoll behandelt werden, sie brauchen ÄrztInnen und Pflegekräfte, die durch Weiterbildung über die möglichen Folgen einer Kriegsvergewaltigung informiert sind“, so Hauser.

Lesen Sie unsere Broschüre zum Thema: "Zeit zu sprechen" - Texte und Materialien zu sexualisierter Kriegsgewalt gegen Frauen vom Zweiten Weltkrieg bis heute, Oktober 2009.