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30. September 2008

„Auf der Suche nach Gerechtigkeit“

Rund 50 Expertinnen aus Afrika, Amerika, Asien und Europa bilanzierten auf einer Fachtagung von medica mondiale in Bad Honnef die bisher höchst unzureichende Strafverfolgung von sexualisierter Kriegsgewalt. Nur ein winziger Bruchteil der Opfer sexualisierter Kriegsgewalt erfährt später ein wenig Gerechtigkeit – ob in Form einer Verurteilung der Täter, medizinisch-psychologischer Betreuung oder finanzieller Entschädigung. Das ist das eindeutige Ergebnis einer internationalen Fachtagung, die medica mondiale vom 7. bis 11. September in Bad Honnef durchgeführt hat.

Eine Tagung von medica mondiale

Eingeladen waren rund 50 Expertinnen aus aller Welt, vor allem aus ehemaligen oder aktuellen Konfliktgebieten wie Demokratische Republik Kongo, Kenia, Ruanda, Liberia, Afghanistan, Indien, Osttimor, Kambodscha, Guatemala, Peru, Kosovo oder Bosnien. Das Besondere der Tagung war die Zusammensetzung der Teilnehmerinnen: Einige der Eingeladenen arbeiten in Graswurzelprojekten, die Gewaltopfer psychosozial und rechtlich betreuen, zum Beispiel Immacule Birhaheka von der kongolesischen Frauenorganisation PAIF in Goma. Andere waren oder sind in nationalen Versöhnungskommissionen tätig, wie Julissa Falcon Mantilla, Ex-Mitarbeiterin der peruanischen Wahrheitskommission. Wieder andere waren oder sind in UN-Institutionen aktiv, zum Beispiel Patricia Sellers, frühere Anklägerin bei den UN-Sondertribunalen zu Ruanda und Ex-Jugoslawien, Yakin Ertürk, UN-Sonderberichterstatterin zu Gewalt an Frauen, oder Madeleine Rees vom UN-Hochkommissariat für Menschenrechte.


Die Teilnehmerinnen bilanzierten ausführlich die Erfahrungen von Überlebenden sexueller Gewaltakte auf lokaler, nationaler und internationaler Ebene. Das bittere Ergebnis: In den allermeisten Fällen kommt es niemals zur Strafverfolgung. Im Gegenteil: „Vergewaltigung ist das einzige Verbrechen, in dem das Opfer bestraft wird“, befanden Teilnehmerinnen aus allen Kontinenten. Weil Vergewaltigung in vielen patriarchalischen Kulturen als „Schande“ für den Ehemann und seine Familie gilt, werden die Frauen verstoßen oder gar getötet. Die Stigmatisierung der Vergewaltigten ist so stark, dass sich die meisten zum Schweigen verurteilt fühlen. Frauen aus dem Kongo und anderen Ländern berichteten, allein das Wort Vergewaltigung sei so stark tabuisiert, dass Überlebende sexueller Gewalt es in Verhören nicht auszusprechen wagten. Ergebnis: Straffreiheit für die Täter. Doch auch wenn es endlich zu Anklagen gegen die Täter kommt, ob auf nationaler oder internationaler Ebene, verlaufen diese Verfahren nach einhelliger Einschätzung der eingeladenen Rechtsexpertinnen höchst ambivalent. Die Zeuginnen werden oft durch respektlose Fragen der Verteidigung erniedrigt oder gar retraumatisiert, ihre persönliche Sicherheit wird nicht gewährleistet. Fazit der Tagungsteilnehmerinnen: Die Waage der Justizia neigt sich viel zu stark zu einer Seite, zu der der Männer.


Was also ist zu tun, damit den Frauen Gerechtigkeit widerfährt und ihr Alltag erträglicher wird? Mehrere Tagungsteilnehmerinnen hatten beeindruckende alternative Gerechtigkeitsprojekte ins Leben gerufen und stellten sie in Filmen und Wortbeiträgen vor. Rebecca Lolosoli, eine mit farbenprächtigen Gewändern und Perlenketten geschmückte Samburu-Frau aus Kenia, gründete vor etwa fünf Jahren im Samburu-Nationalpark das rund 50 Hütten umfassende Frauendorf „Umoja“, auf deutsch „Einheit“. Dort nahm sie von ihren Ehemännern verstoßene Frauen und ihre Kinder auf. Die meisten der Frauen waren von britischen Soldaten vergewaltigt worden, die bis heute auf einem Truppenübungsplatz in der Nähe stationiert sind. Die Täter wurden nie verurteilt, denn eine militärinterne britische Untersuchung kam zum Ergebnis, die Gewaltakte seien „nicht erwiesen“. Bei den extrem patriarchalischen Samburu gelten Frauen als Besitz und werden genital beschnitten, doch in „Umoja“ besitzen Frauen Land, Vieh und Geld, ihre Kinder gehen in die Schule, ihre Töchter bleiben unbeschnitten. Allerdings sah sich Gründerin Rebecca Lolosoli gezwungen, einen hohen Zaun gegen wilde Tiere und zornige Ex-Ehemänner zu errichten.


Die Inderin Nimisha Desai hat in ihrer Heimatprovinz Gujarat im Jahre 2002 die genozid-ähnlichen Ausschreitungen extremistischer Hindus gegen Moslems erlebt, nach denen auch auch die Rate häuslicher Gewalt stark anstieg. Nimisha Desai, Gründerin der Organisation Olakh, gründete deshalb die „Collective Initiative for Justice“, eine Art Barfuß-Gericht und Mediationsinstanz auf Gemeindeebene, das inzwischen auch in anderen Dörfern Nachahmung findet. In dem Film „Shortcut to Justice“ („Abkürzung zur Gerechtigkeit“) von dem Filmemacher Daniel Burkholz und Sybille Fezer, Mitarbeiterin von medica mondiale ist ein Fallbeispiel zu sehen, bei dem diese „Barfuß-Richterinnen“ öffentlich auf der Straße einen Fall von schwerer häuslicher Gewalt verhandeln. Am Ende verspricht der Täter, seine Frau nicht mehr zu misshandeln, weil er „nicht nochmal erleben will, dass unsere privaten Dinge öffentlich diskutiert werden.“


Die südkoreanische Professorin Chinsung Chung und die US-Juristinnen Patricia Sellers und Rhonda Copelon waren Beteiligte des symbolischen Internationalen Tribunals zu den so genannten „Comfort Women“ für das japanische Militär während des II. Weltkrieges, das im Jahr 2000 in Tokio stattfand. Patricia Sellers war Chefanklägerin, Chinsung Chung kümmerte sich um die Zeuginnen, alte Frauen aus Korea und anderen südostasiatischen Ländern, die zwischen 1937 und 1945 japanischen Soldaten als sexuelle Sklavinnen hatten dienen müssen. Das Tribunal war ein symbolischer Akt, da die Regierung und das Militär in Japan bis heute jedes Schuldeingeständnis verweigern. Sein praktischer Nutzen aber bestand und besteht darin, dass es damals gültiges nationales und internationales Recht angewandt hat, um zu seinem Schuldspruch zu kommen, das Urteil ist also auch auf andere Fälle anwendbar. In einem Dokumentarfilm ist der historische Moment festgehalten, in dem die Vorsitzende Richterin ihr „Schuldig!“ verkündet. Die Opfer jubeln, strahlen, fallen sich in die Arme. In den folgenden Diskussionen wünschten sich viele Tagungsteilnehmerinnen solch einen Moment der späten Genugtuung für „ihre“ Überlebenden.

Die außergewöhnliche Tagung war begleitet von einem außergewöhnlichen Rahmenprogramm: von Massagen, Bewegungsübungen und Angeboten zur Krisenintervention. Frauen, die sich um traumatisierte Gewaltopfer kümmern, sind oft selbst traumatisiert, sie agieren ständig am Rande ihrer körperlichen und seelischen Möglichkeiten und haben nicht selten selbst ein stellvertretendes Trauma oder ein „Burnout-Syndrom“. Das „Wellbeing-Konzept“ wurde von den Teilnehmerinnen dankbar genutzt.

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Britta Amorin
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