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10. Dezember 2015

20 Jahre nach Dayton: Ohne Frauen ist kein Staat zu machen

Pressemitteilung: Köln, 10. Dezember 2015. „Am Verhandlungstisch in Dayton saßen keine Frauen“, bemängelt Monika Hauser, Gründerin von medica mondiale, zum 20. Jahrestag der Unterzeichnung des Dayton-Friedensabkommens am 14. Dezember. „Und das, obwohl die UN-Weltfrauenkonferenz im September 1995 in Peking die Rolle von Frauen bei der Verhütung und Lösung bewaffneter Konflikte betont hat. Damals wie heute ignoriert die internationale Politik, wie wichtig sie für die Formulierung und Umsetzung von Friedensabkommen sind.“

Das Übereinkommen von Dayton beendete den dreieinhalb Jahre dauernden Krieg in Bosnien, in dessen Verlauf 20.000 bis 50.000 Frauen und Mädchen vergewaltigt wurden. Bosnische Frauenorganisationen kritisierten von Anfang an, so Hauser, dass bei den Verhandlungen lediglich die Kriegsparteien am Tisch saßen. Mit dem Ergebnis, dass das Land entlang der Konfliktlinien geteilt und damit die geografische Trennung in ethnische Gruppen zementiert wurde.

Resultat dieser Entscheidung ist eine 20 Jahre währende Blockadepolitik in Bosnien und Herzegowina, kritisiert Hauser, die eine gesunde Entwicklung des jungen Gesamtstaates unmöglich macht. Hinzu kommen Doppelstrukturen mit eigenen Regierungen und MinisterInnen in zwei Landesteilen, über 50 Prozent Arbeitslosigkeit sowie Vetternwirtschaft. „Perspektivlosigkeit treibt viele Menschen in den Westen“, erklärt Hauser. „Die PolitikerInnen Europas handeln angesichts der nie eingelösten Versprechungen auf EU-Integration und mit der Erklärung Bosnien und Herzegowinas als ‚sicheres Herkunftsland‘ völlig verantwortungslos.“

Kein Frieden ohne Traumabewältigung

Völlig ausgeklammert in den Verhandlungen von Dayton wurden die Kriegsvergewaltigungen und ihre Auswirkungen auf die bosnischen Frauen, ihre Familien und die ganze Gesellschaft. Eine Studie der Frauenrechtsorganisation medica mondiale und ihrer bosnischen Partnerorganisation Medica Zenica aus dem Jahr 2014 belegt: Die während des Krieges erlebte Gewalt und die unbearbeiteten Traumata beeinträchtigen bis heute das Leben der Menschen in Bosnien und Herzegowina. „Ohne individuelle und kollektive Traumabewältigung ist keine gesellschaftliche Befriedung möglich“, bilanziert Hauser. Es gelte, das Bewusstsein zu schärfen für die Situation Überlebender sexualisierter Kriegsgewalt. Ihre Ausgrenzung müsse ein Ende haben, das ihnen angetane Unrecht anerkannt und die Täter bestraft werden.

Schockiert von den Massenvergewaltigungen an bosnischen Frauen machte sich Monika Hauser Ende 1992 auf den Weg ins Kriegsgebiet im ehemaligen Jugoslawien. Im April 1993 eröffnete sie in der Stadt Zenica mit rund 20 einheimischen Psychologinnen und Ärztinnen das bis dahin einmalige Frauentherapiezentrum Medica Zenica. Hier konnten sich Überlebende sexualisierter Gewalt beraten und medizinisch versorgen lassen.

Lesen Sie auch den Kommentar von Monika Hauser zur Flüchtlingsdebatte.