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Pressemitteilungen

PRESSEMITTEILUNG

Vor der Entscheidung des Bundestages über die Mandatsverlängerungen in Afghanistan

Kein Wiederaufbau in Afghanistan ohne Frauen!

Berlin, 8. Oktober 2007. Kurz vor der Entscheidung des Bundestages über die Mandatsverlängerungen in Afghanistan haben die Organisationen medica mondiale und TERRE DES FEMMES eine stärkere Beteiligung von Frauen am Wiederaufbau des Landes, wirksamen Schutz vor Gewalt für Frauen und Mädchen und die Strafverfolgung von Tätern gefordert.

Trotz kleiner Erfolge im Wiederaufbau des Landes ist die Situation von Frauen in Afghanistan nach wie vor unerträglich: Die Müttersterblichkeit ist die zweithöchste der Welt, etwa 80 Prozent der Frauen und Mädchen werden zwangsverheiratet und die Hälfte der Gefängnisinsassinnen wird aufgrund sogenannter „moralischer“ Verbrechen eingesperrt – also wegen vermeintlichen Ehebruchs oder Weglaufen von Zuhause. Ebenso gehören Gewalt und Rechtlosigkeit in der Familie weitgehend zum Alltag in Afghanistan, Lebensumstände, die außerordentlich viele junge Frauen in die Selbsttötung treiben.

„Der Schutz vor struktureller und häuslicher Gewalt muss in Afghanistan endlich ganz oben auf der Agenda stehen. Es kann nicht sein, dass die Täter wie unter der Taliban-Herrschaft straflos ausgehen und die afghanischen Frauen und Mädchen weiterhin rechtlos leben“, sagte die Gründerin und Geschäftsführerin von medica mondiale, Monika Hauser, auf einer gemeinsamen Pressekonferenz mit TERRE DES FEMMES in Berlin am 8. Oktober. Gewalt in der Familie hindere Frauen daran, beim Aufbau demokratischer Strukturen mitzubestimmen. „Die internationale Gemeinschaft muss endlich erkennen, dass dies auch ein ernstzunehmendes Sicherheitsproblem ist, und dem entsprechend handeln“, so Hauser weiter. Frauen müssten weit mehr mit speziellen Angeboten im Gesundheits-, Rechts- und Bildungswesen gestärkt und auch in Institutionen wie der Polizei vertreten sein.

„Noch immer werden in manchen Teilen Afghanistans Mädchen davon abgehalten zur Schule zu gehen. Aber Bildung ist der Schlüssel zu mehr Selbstbestimmung von Mädchen und Frauen“, betonte Christa Stolle, Geschäftsführerin von TERRE DES FEMMES - Menschenrechte für die Frau e.V. Auf der Pressekonferenz hob sie hervor, dass sich deshalb die Bundesregierung stärker bei der Bildung und Ausbildung von afghanischen Mädchen und Frauen engagieren müsse. Stark kritisierte Christa Stolle mögliche Abschiebungen von Flüchtlingen nach Afghanistan: „Bei der jetztigen Situation kommt eine Abschiebung einem Todesurteil gleich“.

Beanstandet wurde auch das neue Afghanistan-Konzept der Bundesregierung vom September. Vor allem die Unausgewogenheit zwischen dem militärischen und zivilen Engagement führe dazu, dass Frauen viel zu wenig von dem internationalen Einsatz profitieren, erklärte Monika Hauser: „Weniger als ein Viertel der jährlich 530 Millionen Euro aus Deutschland fließt in den zivilen Aufbau, der große Rest geht in den Militärhaushalt – dieses Verhältnis muss sich ändern; und es muss ein viel größerer Teil für die Unterstützung von Frauen bereitstehen“. In der internationalen und deutschen Politik stünden dagegen immer stärker die Sicherheitsinteressen der Interventionsmächte im Vordergrund und immer weniger gehe es um die soziale Not der Bevölkerung in Afghanistan.

Grundsätzlich dann, wenn es darum gehe, eine weitere militärische Aufrüstung zu rechtfertigen, brächten PolitikerInnen aller Couleur die Frauen ins Spiel. „Tornados schützen Frauenrechte, auf diesen Nenner bringen dann einige den Militäreinsatz. Doch die Wahrheit ist, dass die aggressive militärische Strategie immer nur zu einer Verschlechterung der Sicherheitslage für die Frauen geführt hat“, so Hauser weiter. Daher müsse „Operation Enduring Freedom“ so schnell wie möglich raus aus Afghanistan und die ISAF-Truppen müssten sich auf ihre eigentliche Aufgabe konzentrieren – nämlich auf die Entwaffnung von Milizen, den zivilen Aufbau und den Schutz der Bevölkerung. Beide Organisationen forderten, dass Militäreinsätze und zivile Entwicklungszusammenarbeit unbedingt und strikt getrennt werden müssten. Immer stärker würden sonst auch die zivilen HelferInnen bei Angriffen ins Visier geraten.

medica mondiale setzt sich für traumatisierte Frauen und Mädchen in Kriegs- und Krisengebieten ein und versteht sich als Anwältin für die Rechte und Interessen von Frauen, die sexualisierte Kriegsgewalt überlebt haben. Neben gynäkologischer Versorgung und psychosozialer Unterstützung leistet medica mondiale auch politische Menschenrechtsarbeit. Die Organisation engagiert sich seit 2002 in Afghanistan. Sie unterstützt Frauen und Mädchen auf medizinischer und psychosozialer Ebene, leistet Rechtshilfe, hat ein Netzwerk zum Schutz von Frauen aufgebaut und setzt sich national und international für mehr Rechte für Frauen in Afghanistan ein. Derzeit ar-beiten drei internationale und etwa 50 lokale MitarbeiterInnen für medica mondiale Afghanistan.

TERRE DES FEMMES ist eine gemeinnützige Menschenrechtsorganisation für Frauen und Mädchen, die durch Aktionen, Öffentlichkeitsarbeit, Einzelfallhilfe, Förderung von Projekten und internationale Vernetzung unterdrückte Frauen unterstützt. Schwerpunktthemen sind u. a. häusliche Gewalt, Zwangsheirat und Ehrverbrechen, weibliche Genitalverstümmelung und Zwangsprostitution. Der Verein wurde 1981 gegründet, die Geschäftsstelle befindet sich in Tübingen.

 

Abdruck kostenfrei – Belegexemplar erbeten. Wir freuen uns über Ihre Berichterstattung.

Weitergehende Anfragen und Interviewvermittlung:
medica mondiale e.V.
E-Mail Britta Amorin
(Presse- und Öffentlichkeitsarbeit)
Hülchrather Straße 4
50670 Köln/Cologne (Germany)
Tel.: +49/221-93 18 98-0/-25
Fax: +49/221-93 18 98-1

Spendenkonto: Sparkasse KölnBonn · Konto 45 000 163 · BLZ 370 501 98
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© medica mondiale e.V. ·  08.10.2007