Selbstverbrennung – die Flucht vor der Gewalt
medica mondiale präsentiert erste systematische Untersuchung von Selbstmorden afghanischer Frauen
Eine Patientin nach versuchter Selbstverbrennung im Krankenhaus in Kabul.
Mehrere hundert Frauen töten sich in Afghanistan jedes Jahr selbst. Genauere Zahlen gibt es nicht, denn die Vorfälle werden meist verschwiegen. Erstmalig gibt es jetzt Erkenntnisse über die Ursachen und das Ausmaß. medica mondiale hat in dieser Woche in einer Aufsehen erregenden Konferenz in Kabul eine Studie dazu vorgestellt.
Vorbemerkung:
Selbstverbrennung in Afghanistan – die Situation
Afghanistan erlebt eine Nachkriegs-Konfliktphase, in der Frauen und Mädchen nach jahrzehntelanger Unterdrückung und Terror versuchen, ihr Leben neu zu gestalten. Wo möglich, verfolgen sie eine Ausbildung, manche finden Arbeit und einige wenige bekleiden öffentliche Ämter. Doch generell ist die desolate, von Unterdrückung und Gewalt geprägte Situation der Frauen nicht besser geworden. Das zeigt die erschreckend hohe Bereitschaft zum Selbstmord gerade junger Frauen. Selbstverbrennung ist die häufigste Methode.
Obwohl die afghanische Menschenrechtskommission das Problem bereits seit Jahren kennt und Statistiken führt, gab und gibt es kaum zuverlässige Daten für ganz Afghanistan. Weder die Polizei noch die Regierung verfügen über Daten, die Krankenhäuser registrieren nur die Gesamtanzahl von Brandopfern und unterscheiden nicht nach den Ursachen. Menschenrechtsgruppen haben lediglich Schätzungen unternehmen können. So kam es zu sehr unterschiedlichen Einschätzungen der Bedeutung des Problems. (siehe
Statistik)
Selbstverbrennung ist eine sehr häufige Methode junger Frauen und Mädchen, um der Gewalt in ihren Familien zu entkommen – sei es mit dem Tod. medica mondiale hat dieses weithin unerforschte, grausame Phänomen – auf der Basis der Erfahrungen unseres Gesamt-Programmes seit 2002 - untersucht und ist zu folgenden (Rahmen)Ergebnissen gekommen:
- Suizid kommt in allen Provinzen und sowohl bei Männern als auch bei Frauen vor. (aufhängen, erschießen, in Brunnen oder Flüsse springen, Pestizide, Rattengift oder Tabletten schlucken, vergiften, etc).
- Selbstverbrennung ist die am häufigsten gebrauchte Methode in den Provinzen und kommt besonders häufig im Westen, in der Gegend von Herat vor.
- Selbstverbrennung ist besonders häufig unter Frauen und Mädchen im Alter von 10-40 Jahren, aber auch Männer verbrennen sich selbst.
- Entscheidende Faktoren bei Frauen und Mädchen sind tiefgreifende psychische und physische Gewalt (Schläge, psychische Folter, etc.) über lange Phasen hinweg, der nach wie vor weit verbreitete Brauch des Austausches von Mädchen zur Heirat zwischen Familien, zum Beispiel um Geld oder Güter zu bekommen, als „Entschädigung“ für Schulden oder Verbrechen, Verheiratung von Paaren ohne deren Zustimmung etc.
- All diese Praktiken, die von archaischen Traditionen bestimmt sind und seit Kriegsende zunehmend einhergehen mit großer Armut der Bevölkerung, sind Gewaltanwendungen gegen die betroffenen Frauen und Mädchen und bestimmen ihre Lebensrealitäten.
- 85 Prozent der Frauen, die an ihren Verbrennungen sterben, sterben deshalb, weil sie nicht oder zu spät ins Krankenhaus gebracht werden, oder weil es den Krankenhäusern an den nötigen Medikamenten als auch fachlichem Können fehlt.
- Selbstverbrennung unterliegt einem extremen gesellschaftlichen Tabu und wird möglichst verschwiegen, um der Familie des Opfers die „Schande“ zu ersparen. Das bedeutet für diejenigen, die überlebt haben, gesellschaftliche Isolation und Ausgrenzung.
Methode und Basis der Studie
Bereits 2004 und 2005 hatten medica mondiale-Mitarbeiterinnen stichpunktartig Recherchen für eine Vorstudie unternommen. Auf der Basis dieser Recherchen fiel die Entscheidung, innerhalb des Zeitraumes von März bis September 2006 eine konzentrierte Untersuchung mittels zweier Teams von MitarbeiterInnen von medica mondiale vorzunehmen: Sie führten Befragungen mit Überlebenden in Herat und Farah (Westafghanistan), Mazar-i-Sharif (Nordafghanistan), Ghazni (Südafghanistan) and Jalalabad (Ostafghanistan) durch. Insgesamt wurden rund 100 Frauen und deren Familien befragt. Die Auswahl erfolgte nach Empfehlungen der Afghanischen Menschenrechtskommission, den Krankenhäusern der Umgebung sowie den afghanischen Ärztinnen, die im Auftrag von medica mondiale in den Kliniken arbeiten. Die Auswahl sollte repräsentativen Charakter haben – auch wenn dies in Afghanistan letztlich nicht dem strengen westlichen Standard entspricht.
Ziel der jetzigen Befragungen war es, folgende Fragen zu klären:
- Warum unternehmen Frauen und Mädchen diesen drastischen Schritt?
- Wie viele Brandopfer sind Fälle von Selbstverbrennung?
- Wie viele Mädchen und Frauen sind betroffen?
- Selbstverbrennungen sind häufig in der Region Herat. Warum?
- Wie kann man vorbeugen?
- Wer kann bei der Vorbeugung helfen?
Ergebnisse
Bericht einer Augenzeugin
Empfehlungen und Handlungsansätze
Statistik zu Selbstverbrennungen in Afghanistan von 2002 bis 2005
Abdruck kostenfrei – Belegexemplar erbeten. Wir freuen uns über Ihre Berichterstattung.
Weitergehende Anfragen und Interviewvermittlung:
medica mondiale e.V.
Britta Amorin
(Presse- und Öffentlichkeitsarbeit)
Hülchrather Straße 4
50670 Köln/Cologne (Germany)
Tel.: +49/221-93 18 98-0/-25
Fax: +49/221-93 18 98-1
Spendenkonto: Sparkasse KölnBonn · Konto 45 000 163 · BLZ 370 501 98
IBAN / BIC: DE92 3705 0198 0045 0001 63 /
COLSDE33
Helfen Sie uns mit Ihrer
Spende bei der Unterstützung von Frauen in Kriegs- und Krisengebieten in aller Welt!
© medica mondiale e.V. · 01.12.2006



Pressemitteilungen