Doctorane Omid - das neue Ärztinnen-Projekt von medica mondiale in Afghanistan
Köln, 3. Juli 2002. Zehn in Deutschland lebende afghanische Exilärztinnen reisen bis zum Jahresende im Auftrag von medica mondiale nach Afghanistan, um in Kurzeinsätzen vor Ort Frauen und Mädchen medizinisch zu behandeln sowie das medizinische Personal fortzubilden. Die meisten der Ärztinnen leben seit mehr als 20 Jahren in Deutschland. Sie wohnen über das gesamte Bundesgebiet verteilt. (Von Kiel über Berlin, Hamburg, Bielefeld, Köln, Bonn, Gießen bis nach Bad Kreuznach).
- Die Ärztinnen kommen aus den unterschiedlichsten Fachrichtungen und Lebenszusammenhängen. Die jüngste von ihnen ist 28 Jahre alt und in ihrer Ausbildung zur Fachärztin der Gynäkologie - die Älteste ist Internistin und verfügt über 65 Jahre Lebenserfahrung. Zwei weitere Gynäkologinnen gehören ebenso dazu wie eine Kinderärztin, eine Augenärztin, eine Zahnärztin, eine Anästhesistin, eine Ärztin für Allgemeinmedizin sowie eine Krankenschwester, die gleichzeitig Medizinstudentin ist. Einige Frauen haben sich in mehreren Bereichen qualifiziert: So ist eine Gynäkologin gleichzeitig auch Anästhesistin sowie Fachärztin für HNO, und die Zahnärztin hat als Hebamme bereits viel Erfahrung in Geburtshilfe gesammelt.
- In Afghanistan werden die Ärztinnen mit katastrophalen Lebensbedingungen, extremer Armut und einem brachliegenden Gesundheitssystem konfrontiert sein. Jahrzehntelanger Krieg, massive Menschenrechtsverletzungen und alltägliche Gewalt haben ihre Spuren hinterlassen. Insbesondere Frauen und Mädchen leiden unter den Folgen sexualisierter Gewalt, der sie in Form von Vergewaltigungen, Zwangsprostitution, Zwangsheiraten und Menschenhandel ausgesetzt waren. Sie sind in hohem Maße traumatisiert: 70% leiden unter schweren Depressionen, 65% denken an Suizid und zwischen 10 und 20 Prozent (10 Prozent in den von den Taleban ehemals besetzten Gebieten, 20 Prozent im Gebiet der Nordallianz)haben bereits einen Selbstmordversuch hinter sich. Diese Zahlen verdeutlichen, wie dringend Hilfe im medizinischen und psychosozialen Bereich erforderlich ist. [Diese Zahlen stammen aus einer Erhebung, die 2001 von Dr. Amowitz, Mitglied der Vereinigung "Ärzte für Menschenrechte" und Ärztin am Brigham and Women's Hospital in Boston, in Afghanistan und Pakistan durchgeführt wurde. Amowitz ist ebenfalls an der Fakultät der Harvard Medical School tätig .]
- Vor diesem Hintergrund entwickelte medica mondiale das Ärztinnenprojekt Doctorane Omid. Ziel ist es, Frauen und Mädchen in Afghanistan nicht nur medizinisch zu behandeln, sondern dies in einer Art und Weise zu tun, die Retraumatisierungen verhindert. Die entsendeten Ärztinnen werden in zwei Intensivschulungen auf diese schwierige Aufgabe vorbereitet. Inhalte dieser Schulungen sind Kenntnisse über Trauma und Traumaarbeit, entsprechende Symptome und Behandlungsmethoden. Ein weiterer Bestandteil ist das Training von Selbstschutzmaßnahmen, das die Ärztinnen in die Lage versetzt, sich in einem Umfeld von vielfach traumatisierten Frauen vor einer eigenen Traumatisierung, der sog. Sekundärtraumatisierung zu schützen.
- Alle Ärztinnen werden mit einem medizinischen Koffer ausgestattet, der Medikamente sowie medizinisches Verbrauchsmaterial enthält. medica mondiale e.V. geht davon aus, dass innerhalb des nächsten halben Jahres mindestens 2000 afghanische Mädchen und Frauen auf die oben beschriebene Weise behandelt werden können. Zwar ist es der Wunsch von medica mondiale, die Ärztinnen in ganz Afghanistan einzusetzen, um gerade auch der unterversorgten Landbevölkerung eine nicht-retraumatisierende medizinische Behandlung zu ermöglichen, doch können wir das Risiko, das aufgrund der sehr wechselhaften Sicherheitslage damit verbunden ist, derzeit nicht tragen. Außerhalb Kabuls kommt es immer wieder zu Überfallen, Raub und anderen Gewalttaten.
- Von daher hat medica mondiale e.V. entschieden, sechs Ärztinnen nach Kabul zu entsenden, zwei nach Herat im Westen des Landes und zwei weitere nach Mazar-e Sharif im Norden. Sie werden an unterschiedlichen Kliniken, bzw. verschiedenen Abteilungen entsprechend ihrer Qualifikation eingesetzt.
- Die Teilnehmerinnen des Doctorane Omid-Projektes werden aber nicht nur als Ärztinnen tätig sein, sondern auch als Multiplikatorinnen. So soll ihr Einsatz in Form eines Mentoring-Programmes durchgeführt werden. Das bedeutet, dass jeder einreisenden Ärztin eine vor Ort ansässige Ärztin der gleichen Fachrichtung zugeordnet wird, die sie in ihrer täglichen Arbeit begleitet. Durch den intensiven Kontakt werden neben aktuellem Fachwissen gleichzeitig theoretische und praktische Kenntnisse in nicht-retraumatisierenden Behandlungsmethoden vermittelt. Zehn afghanische Ärztinnen profitieren auf diese Weise unmittelbar von dem Doctorane Omid Projekt. Weiterhin werden die Ärztinnen Fachvorträge an der Universität Kabul und in den Einsatzkrankenhäusern halten, um ihr medizinisches Fachwissen und ihre Kenntnisse in Traumaarbeit weiterzugeben. Mit diesen Vorträgen sollen innerhalb der nächsten sechs Monate rund 200 StudentInnen der Medizin sowie weiteres medizinisches Fachpersonal erreicht werden.
- Die Ausreise der ersten Gruppe steht unmittelbar bevor: eine Kinderärztin und eine Internistin werden am 13. Juli von München aus nach Kabul reisen, eine Augenärztin und eine Ärztin für Allgemeinmedizin am gleichen Tag nach Mazar-e Sharif. Das finanzielle Volumen des Gesamtprojekts beläuft sich auf knapp 100.000 €, die vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) übernommen werden. Hinzu kommt die Bereitstellung von zehn medizinischen Koffern durch die Organisation action medeor sowie die Übernahme der Versicherungskosten der Ärztinnen während ihres Afghanistanaufenthalts durch die Arbeitsgemeinschaft für Entwicklungshilfe e.V. (AGEH). Weiterhin beteiligt sich die Carl Duisberg Gesellschaft e.V. an der organisatorischen Vorbereitung.
Angesichts der in Afghanistan ständig steigenden Kosten ist bereits jetzt abzusehen, dass der beschriebene Finanzrahmen ausgeschöpft sein wird. medica mondiale ist von daher auch bei diesem Projekt wieder dringend auf private Spenden angewiesen!
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© medica mondiale e.V. · 09.03.2007



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