Newsletter 1-2010
In Liberia wurden 2009 allein im Bezirk Montserrado in den ersten sechs Monaten 807 Vergewaltigungsfälle angezeigt. In 77 Fällen handelte es sich um Mädchen jünger als fünf Jahre, 232 Mädchen waren im Alter zwischen fünf und zwölf, bei weiteren 284 handelte es sich um Mädchen und junge Frauen zwischen 13 und 18 Jahren.
amnesty international report 2010 – the state of the worlds’s human rights
Demokratische Republik Kongo: Erste Schritte aus der Armut
Seit 2008 unterstützt PAIF, Partnerorganisation von medica mondiale, Überlebende sexualisierter Gewalt im Osten der Demokratischen Republik Kongo. PAIF steht ihnen mit medizinischer Hilfe zur Seite, mit Sozialarbeit und bei dem Aufbau einer wirtschaftlichen Existenz. In dieser Region gibt es immer wieder blutige Konflikte, sowohl Militär als auch Milizen vergewaltigen weiterhin Frauen und Mädchen – allein im vergangenen Jahr zählte die UN knapp 8.000 gemeldete Fälle, nur ein Bruchteil der tatsächlichen Vergewaltigungen.
„Seit ich angefangen habe, mit Nähen mein Geld zu verdienen, habe ich meine Familie nicht mehr um Geld bitten müssen. Im Gegenteil: Ich kaufe jetzt Öl für sie. Und meine Kleidung und mein Essen kann ich jetzt selbst bezahlen.“ Die 27-jährige Faida, alleinerziehende Mutter von zwei Kindern, gehört zu den insgesamt 177 Absolventinnen eines achtmonatigen Nähkurses. Dieser Kurs ist Bestandteil eines Ausbildungs- und Starthilfen-Programms von PAIF.
Teilnehmerinnen des Programms nehmen zunächst an ebenfalls achtmonatigen Alphabetisierungskursen teil. Danach entscheiden sie sich für das Erlernen der Schneiderei, des Brotbackens oder der Saftproduktion oder aber ihre wirtschaftliche Eigenständigkeit wird mit Starthilfen gefördert: Sie bekommen Ziegen und Saatgut oder im Rahmen von Kleinstkrediten geringe Geldsummen zum Aufbau eines Geschäfts. Am Kleinstkredit-Programm nahmen bislang rund 180 Frauen teil; dazu haben sie sich zu insgesamt 17 Gruppen zusammengeschlossen. Rund 100 US-Dollar beträgt die Höchstsumme pro Kopf bei der ersten Förderung, die Rückzahlung erfolgt innerhalb weniger Monate.
Was gefördert wird, entscheidet PAIF mit jeder Frau individuell: Das kann der Aufbau eines Kiosk sein, der Grundstock für ein Kohle-Geschäft oder der Ersteinkauf für den Handel mit Second-Hand-Kleidung. Beim Aufbau ihres Geschäfts werden die Frauen von PAIF begleitet, ein „Business-Training“ gibt ihnen Grundlagen für die Berechnung von Einnahmen und Ausgaben. Ziel des Projekts: Die Frauen lernen mit Geld umzugehen, sie nehmen am öffentlichen Leben teil und sie gehören zu einer Gruppe, die sie stärkt. „Mit dem Startkapital ist alles anders geworden, denn Arbeit und Einkommen verändern alles“, so eine Teilnehmerin, “PAIF hat mir Zukunft geschenkt.“
medica mondiale Afghanistan: Vermitteln zugunsten von Frauen
Seit 2007 bieten die Rechtsanwältinnen und Sozialarbeiterinnen von medica mondiale Afghanistan Frauen und ihren Angehörigen Vermittlungsgespräche an, um Konflikte in den Familien friedlich beizulegen – und dabei auch den Frauen zu ihrem Recht zu verhelfen. Seit Anfang des Jahres schult medica mondiale Afghanistan auch MitarbeiterInnen staatlicher und anderer Institutionen im Mediationsverfahren.
Gegen Unrecht strafrechtlich vorzugehen, beispielsweise Vergewaltiger und Gewalttäter anzuzeigen, stellt Frauen meist vor große Hürden. Zu verhärtet ist das nachhaltig vom islamischen Ehrenkodex beeinflusste, frauenfeindliche afghanische Rechtssystem. Nicht selten werden Ehefrauen anstelle ihrer prügelnden Ehemänner bestraft, landen Frauen statt ihres Vergewaltigers im Gefängnis und müssen bei Konflikten zwischen Familien als Wiedergutmachung herhalten, werden verstoßen oder bedroht, wenn sie Gleichberechtigung für sich fordern.
Ein Leben außerhalb der Familie ist für Afghaninnen kaum denkbar. Daher sind Vermittlungen durch eine Mediation in vielen Fällen häufig besser als beispielsweise eine Scheidung. Außerdem kann mit einer außergerichtlichen Beilegung von Streitigkeiten möglicherweise eine drohende Anklage gegen die Frau verhindert und die oftmals schwierige Wiedereingliederung aus der Haft entlassener Frauen – sie gelten als Schande bei den Angehörigen – in ihre Familien unterstützt werden.
Im Februar und März 2010 führte medica mondiale erstmals ein Mediationstraining mit rund 80 TeilnehmerInnen in Kabul durch. Unter ihnen waren, neben Mitarbeiterinnen von medica mondiale Afghanistan, AnwältInnen und SozialarbeiterInnen des afghanischen Frauenministeriums, des Ministeriums für Arbeit und Soziales, des Justizministeriums sowie lokaler Frauen- und Rechtshilfeorganisationen. Sie wurden in vier Gruppen je eine Woche lang geschult.
Die Mehrzahl der TeilnehmerInnen äußerte nach dem Training, dass sie künftig verstärkt darauf achten wollen, Frauen im Vermittlungsprozess mehr darin zu unterstützen, ihre eigenen Wege bei der Konfliktlösung zu gehen. Denn oberstes Gebot einer Konfliktvermittlung ist es, dass die Konfliktparteien selber eine Einigung finden, die MediatorIn steuert lediglich das Verfahren. Umso wichtiger ist es, dass beide Seiten gleichermaßen zu Wort kommen und Frauen mit ihren Anliegen, ihren Sorgen und Nöten respektiert werden.
Einig waren sich die Teilnehmerinnen auch darin, dass eine Mediation nur dann Erfolg und Nutzen für die Frau haben kann, wenn die Vereinbarung in Zukunft bei Gericht registriert und kontinuierlich überwacht würden. Bislang ist dies noch sehr schwierig, weil viele Familien sich davor scheuten, ihre familiären Probleme nach außen zu tragen und Fälle gerichtlich zu erfassen, so die Erfahrung der TeilnehmerInnen. medica mondiale plant weitere Trainings in Herat und Mazar.
medica mondiale beim Hebammenkongress in Düsseldorf
Gleich mit zwei Beiträgen war medica mondiale Mitte Mai beim bundesdeutschen Hebammenkongress in Düsseldorf vertreten: Im Rahmenprogramm der Tagung vom 10. bis 12. Mai zeigte die Frauenrechts-organisation die Kampagneninstallation „Frauen(auf)Marsch“, beim Abschlussplenum referierte Monika Hauser über das Engagement von medica mondiale gegen sexualisierte Kriegsgewalt.
Einen Tag lang war die Ausstellung "Frauen(auf)Marsch" im Foyer des Congress Center Düsseldorf für die rund 2.300 überwiegend weiblichen TeilnehmerInnen des Kongresses zu sehen: 27 lebensgroße Schaufenster-Figuren, die T-Shirts mit Zitaten kriegsvergewaltigter Frauen trugen. Die Installation ist das Herzstück der Kampagne "Im Einsatz für Frauen in Kriegs- und Krisengebieten", die vom Deutschen Hebammenverband als Partnerin unterstützt wird.
Am Stand von medica mondiale konnten die KongressteilnehmerInnen mit der Traumatherapeutin Maria Zemp sprechen. Seit 2003 fährt sie immer wieder in die Projektgebiete von medica mondiale, nach Afghanistan und neuerdings auch nach Liberia. Im Auftrag von medica mondiale schult sie dort Gesundheitsfachkräfte – darunter auch Hebammen – in traumasensibler medizinischer Behandlung und Betreuung.
Die meisten BesucherInnen der Kampagneninstallation zeigten sich sehr interessiert an der Arbeit von medica mondiale. Schnell kam es zu tiefer gehenden Gesprächen, an deren Ende häufig der Wunsch nach verstärkter Netzwerkarbeit und Kooperation stand. Erneut wurde die thematische Nähe zwischen dem Engagement von medica mondiale und der Arbeit der Hebammen deutlich. „Auch hierzulande kommen Hebammen immer häufiger mit Klientinnen in Berührung, die sexualisierte Gewalt erlebt haben und infolge familiärer Gewalt oder als Überlebende aus Kriegs- oder Konfliktgebieten zum Teil schwer traumatisiert sind“, betonte Monika Hauser in ihrem Vortrag am Ende des Kongresses, der von anhaltendem Applaus gefolgt war. Auf große Zustimmung bei den knapp 1.000 ZuhörerInnen stieß ebenso ihre Forderung, das Thema sexualisierte Gewalt und seine Folgen endlich in die Lehrpläne des Medizinstudiums, der ärztlichen Fortbildung und der Hebammen- und Krankenpflegeausbildung aufzunehmen. „Aufklärung und Schulung sind unerlässlich, damit medizinisches Fachpersonal Anzeichen für zurückliegende Gewalterfahrungen deuten und entsprechend sensibel darauf reagieren kann“, erklärte Hauser weiter.
Sexualisierte Gewalt vor Internationalen Gerichtshöfen – neue Studie von medica mondiale
Wie erfolgreich ist die bisherige Strafverfolgung sexualisierter Kriegsgewalt im ehemaligen Jugoslawien? Was ist zu verbessern? Wie muss eine gute Ausbildung zukünftiger RichterInnen, AnklägerInnen und ErmittlerInnen aussehen, damit sie mit den traumatisierten Opfern respektvoll umgehen können? Mit solchen und anderen Fragen beschäftigt sich eine neue Studie von medica mondiale mit dem Titel: „’… damit es niemandem in der Welt widerfährt’ – Das Problem mit Vergewaltigungsprozessen: Ansichten von Zeuginnen, AnklägerInnen und RichterInnen über die Strafverfolgung sexualisierter Gewalt während des Krieges im ehemaligen Jugoslawien“. Im April wurde sie im Rahmen der Kooperationsveranstaltung mit der Friedrich-Ebert-Stiftung „Sexualisierte Kriegsgewalt vor Internationalen Gerichtshöfen“ in Berlin vorgestellt.
Die Studie befasst sich insbesondere mit den Erfahrungen von Zeuginnen, die als Opfer sexualisierter Gewalt vor dem Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien und der Kriegsverbrecherkammer in Sarajewo ausgesagt haben. Vor rund 130 Gästen – darunter JuristInnen sowie Vertreter-Innen von sozialen Diensten und Nichtregierungsorganisationen – diskutierten Gabriela Mischkowski (Foto), eine der Autorinnen der Studie, Dr. Monika Hauser und der ehemalige Richter an den UN-Tribunalen für das frühere Jugoslawien sowie für Ruanda Prof. Wolfgang Schomburg darüber, welche Konsequenzen sich für andere Prozesse vor dem Internationalen Strafgerichtshof aus der Studie ableiten lassen, zum Beispiel für ein mögliches Verfahren gegen den kongolesischen Hutu-Milizführer Ignace Murwanashyaka in Deutschland. Im Herbst wird die Studie auch in Sarajewo der Öffentlichkeit präsentiert – die interviewten Zeuginnen sind in der Mehrheit Bosnierinnen.
Die deutsche Zusammenfassung der Studie finden Sie als Download hier.
Laverana unterstützt den Projektefonds von medica mondiale
Das Unternehmen Laverana Naturkosmetik hat sich entschlossen, den Projektefonds von medica mondiale zu fördern. Mit diesem Fonds werden in verschiedenen Kriegs- und Krisengebieten weltweit lokale Frauenorganisationen mit kleineren Summen unterstützt, die sich um von Gewalt betroffene Frauen und Mädchen kümmern.
Lavera hat sich in diesem Jahr für vier Projekte in Afrika entschieden: in Uganda, Ruanda und zwei in der Demokratischen Republik Kongo. Die Arbeit dieser Organisationen reicht von psychosozialer Beratung für Frauen, die in Folge von Vergewaltigung Kinder geboren haben, über medizinische Hilfe für Vergewaltigte bis hin zur Wiedereingliederung ausgestoßener Frauen in ihre Familien und finanzielle Starthilfen für einen Neuanfang. 30.000 Euro spendet lavera in diesem Jahr für dieses Engagement, weitere Unterstützung für das Jahr 2011 ist in Planung. Grund zur Freude bei der Gründerin von medica mondiale Monika Hauser: „Gerade die vielen kleinen Frauenorganisationen haben große Probleme ihre unverzichtbare Arbeit für Frauen und Mädchen vor Ort zu finanzieren – einen großen Dank daher an das Engagement von lavera!“
Benefiz-Konzertreihe in Leipzig: „Es ist so einfach zu helfen…“
Im Januar startete in Leipzig in der Begegnungsstätte Mühlstrasse die Benefiz-Konzertreihe „Weil sie ein Mädchen ist“ zugunsten von medica mondiale. Vom Leipziger theater eumeniden organisiert treten dort an jedem letzten Freitag im Monat MusikerInnen ohne Gage auf. BesucherInnen zahlen keinen Eintritt, statt dessen werden nach dem Konzert Spenden gesammelt.
Die Veranstaltungen sind jeweils einem Mädchen aus Afghanistan, Liberia oder einer anderen Krisenregion gewidmet, das sexualisierte Gewalt und Unterdrückung erleiden musste. Vor den Auftritten erzählt eumeniden-Chefin Janna Kagerer die Geschichte dieser Mädchen und erklärt, wie medica mondiale Überlebende von Gewalt und Terror vor Ort unterstützt. Den Auftakt der Benefizreihe machten mit gefühlvollen Liedern die Songwriterin Eva Croissant (Foto) und mit furiosem Rock die Band Dante’s Dream. Die rund vierzig Konzertgäste waren begeistert und am Ende des Abend befanden sich 100 Euro im Spendentopf. „Ich mache Musik, weil es mir Spaß macht. Und hier kann ich obendrein ein gutes Projekt unterstützen, die Welt ein Stück verbessern. Es ist so einfach zu helfen…“, sagte Eva Croissant zu ihrem Engagement.
Das nächste Konzert mit Steffi Püschmann, Michael Meinwerk und The Humbug findet am Freitag, den 25. Juni, um 20:00 Uhr statt. Weitere Informationen finden Sie unter www.janna-kagerer.de.

