Monika Hauser nach Kosovo-Reise:
„Die kosovarischen Frauen haben das Projekt selbst in die Hand genommen“
Am ersten Oktober fünf Jahre Engagement für kriegstraumatisierte Frauen und Mädchen in Gjakova/Kosovo
Köln, 29.9.2004.
„Die Gefühle, mit denen ich von dieser Reise zurückkehre, sind sehr ambivalent. Einerseits bin ich sehr glücklich, dass es uns gemeinsam gelungen ist, in fünf Jahren ein so nachhaltig wirksames Frauenprojekt in Kosova aufzubauen. Andererseits bereitet mir die existenzielle Situation der Frauen dort größte Sorgen.“ So beschrieb Dr. Monika Hauser (Gründerin und Geschäftsführerin der Frauenhilfsorganisation medica mondiale) heute vor der Presse ihre Eindrücke während einer einwöchigen Reise in die Balkan-Provinz. Am ersten Oktober vor fünf Jahren eröffnete medica mondiale dort das Beratungs- und Therapiezentrum „Medica Kosova“.
„Ein hoffnungsvolles Projekt für das ganze Land“
Hauser bezeichnete „Medica Kosova“ als „hoffnungsvolles Projekt mit einer Wirkung, die ins ganze Land ausstrahlt“. Aufgrund der hervorragenden Öffentlichkeits- und Vernetzungsarbeit der Mitarbeiterinnen seien der Kontakt zu Polizei, Justiz, anderen Behörden sowie Institutionen und den noch im Land verbliebenen Hilfsorganisationen sehr gut. Auch hätten die Mitarbeiterinnen von „Medica Kosova“ erheblich dazu beigetragen, das Tabu zu lockern, das über dem Thema sexualisierte Gewalt liegt. Kontinuierliche Pressearbeit, viele Radio- und Fernsehauftritte sowie die intensive Einbindung in das kosovarische Frauennetzwerk haben zum einen das Projekt als Anlaufstelle für Frauen bekannt gemacht. Zum anderen ist die kosovarische Gesellschaft zunehmend dazu bereit, sich dem Problem zu stellen und Frauen zu unterstützen, statt sie zu stigmatisieren und auszugrenzen. Hauser: „Zwar ist es noch ein weiter Weg zur gesellschaftlichen Integration von betroffenen Frauen, doch wichtige Schritte sind gemacht und haben viele Veränderung in den Köpfen und im Handeln bewirkt.“
„Wenn keine Auslands-Lieferungen kämen, müssten viele verhungern“
In krassem Gegensatz dazu, sagte Hauser, stehe die existenzielle Situation der Frauen. Die Arbeitslosigkeit im Land liegt bei rund 80 Prozent – in Gjakova, wo „Medica Kosova“ seinen Sitz hat, haben nur rund 15 Prozent der Menschen Arbeit. Weniger als die Hälfte davon sind Frauen. „Wenn im Ausland lebende Verwandte die Menschen in Gjakova nicht mit Diasporasendungen unterstützen würden, müssten sie verhungern“, so Hauser. Bis einschließlich 2002 setzten sich 70 Prozent des Brutto-Inlandsproduktes aus Internationaler Hilfe und Diaspora-Sendungen zusammen.
Die Hilfe geht kontinuierlich zurück – somit sinkt auch der Lebensstandard permanent. BeobachterInnen befürchten im bevorstehenden Winter Hungertote.
Insofern ist „Medica Kosova“ nicht nur ein wichtiges Hilfsprojekt für traumatisierte Frauen, sondern für die Mitarbeiterinnen auch eine lebensnotwendige Arbeitgeberin.
1999 gab es rund 300 internationale Hilfsorganisationen in Gjakova. Heute sind es nur noch knapp zehn.
Politische Situation: Unruhen im März hatten gravierende Auswirkungen
Die Unruhen im März dieses Jahres und das Verhalten der UNMIK (wegen dessen sich in der vergangenen Woche auch Verteidungsminister Struck rechtfertigen musste) „haben die politische Entwicklung in Kosova um Jahre zurückgeworfen“, so Hauser.
Der unkontrollierte, heftige Ausbruch ethnisch motivierter Gewalt hatte auch schlimme Auswirkungen auf die Frauen: Viele erlitten Retraumatisierungen, Bilder der Gewalt kamen wieder hoch. Außerdem, merkte Hauser an, fließe nun „ein großer Teil des öffentlichen Budgets in den Wiederaufbau der damals zerstörten Kirchen, Häuser und Schulen – Geld, das dringend nötig wäre, um unter anderem gegen die hohe Arbeitslosigkeit vorzugehen.“ Dringend notwendige Investitionen blieben aufgrund des ungeklärten politischen Status aus.
Auch Wahlen bringen keine positive Perspektive
Hauser berichtete, dass sich im Vorfeld der Wahlen am 23. Oktober bei der kosovarischen Bevölkerung ein hohes Maß an Politikverdrossenheit zeige: Viele wollten auch angesichts des großen Ausmaßes von Korruption die Wahl boykottieren. Außerdem fürchten viele Menschen im Umfeld der Wahlen ein erneutes Aufflackern von Gewalt. Hauser: „Beobachterinnen und Beobachter im Land befürchten, dass weniger als 50 Prozent der Bevölkerung an den Wahlen teilnehmen.“
Zur Parlamentswahl werden über 20 verschiedene Parteien antreten.
Ambitionierte und mutige Pläne für die Zukunft des Beratungszentrums
Medica Kosova ist seit Anfang 2004 ein selbständig arbeitendes Frauenprojekt, erhält aber noch Spendengelder von medica mondiale. Mit intensiver Suche nach weiteren FinanzierungspartnerInnen bereiten sich die Mitarbeiterinnen auch auf eine finanzielle Selbständigkeit vor. Monika Hauser dazu: „Mutige Projekte, unter anderem verstärkte Arbeit mit ethnischen Minderheiten wie Roma- und serbischen Frauen, untermauern die Entschlossenheit, mit der unsere kosovarischen Kolleginnen ‚medica Kosova’ fortentwickeln und zu einem festen Bestandteil ihrer Gesellschaft machen wollen.“ Neben neuen gynäkologischen und psychosozialen Projekten stellt auch die Ende 2004 stattfindende Abschlussprüfung der psychosozialen Beraterinnen an der Universität von Pristina einen wichtiger Baustein dazu dar. Unter Aufsicht des renommierten Trauma-Experten Prof. Willi Butollo streben sie hier ihren Abschluss im von medica mondiale neu entwickelten Berufsbild „Psychosoziale Beraterin für Frauen“ an. medica mondiale hat sich zum Ziel gesetzt, dieses Berufsbild auch international von der Welt-Gesundheits-Organisation (WHO) zertifizieren zu lassen.
„Medica Kosova“ –
fünf Jahre nach dem Krieg · Zahlen und Daten im Überblick
Fallbeispiele Kosova
Fotos zum Thema
Bei Abdruck erbitten wir ein Belegexemplar.
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