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Monika Hauser nach Afghanistan-Reise:
„Für Tausende Frauen ist ihr Zuhause
ein Gefängnis“

Gründerin der Frauen-Hilfsorganisation betont:
„Wir bleiben vorerst in Afghanistan!“


Köln, 2.8.2004.
„Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass für die meisten Frauen ganz Afghanistan ein großes Gefängnis ist – immer noch!“ Dr. Monika Hauser (Gründerin und Geschäftsführerin der Frauenhilfs- und -rechtsorganisation medica mondiale) zeichnete heute bei einem Pressegespräch ein recht düsteres Bild von der Situation der afghanischen Frauen. Am Wochenende war sie von einer knapp zweiwöchigen Projektreise nach Kabul zurückgekehrt.

„Armut und Gewalt dominieren“
Hauser beschrieb die soziale Situation der Frauen und Mädchen als „von extremer Gewalt und Armut dominiert“. Erschreckend viele Frauen hätten immer noch nicht genügend zu essen für sich und ihre Kinder. Hauser: „Es ist nur allzu verständlich, dass eine Frau, die nicht weiß, wie sie ihre hungernden Kinder durchbringen soll und die kaum ein Dach über dem Kopf hat – dass diese Frau nicht die Kraft dazu hat, sich auch noch mit den an ihr verübten Gewalttaten zu konfrontieren. Genau das bereitet uns gleichzeitig große Sorgen: Je länger ein traumatisches Erlebnis unbearbeitet und verdängt bleibt, desto eher produziert es schwere Erkrankungen.“
Mit einem Referenz-System, das medica mondiale in Kabul und Umgebung entwickelt und ausgebaut hat, will die Organisation dieser Herausforderung praktisch entgegen treten: medica mondiale-Mitarbeiterinnen bringen hungernde und von Gewalt bedrohte Frauen in Kontakt mit Hilfsorganisationen, die für Nahrungsmittel sorgen und Schutzhäuser aufbauen – und umgekehrt verweisen diese traumatisierte Frauen und Mädchen an die Beraterinnen von medica mondiale. Hauser: „Ein derartiges System ist vor Ort schwer zu realisieren – aber es ist die Voraussetzung für effektive Arbeit.“

Sicherheitssituation extrem verschlechtert – „Wölfe im Schafspelz“
Monika Hauser beschrieb die Sicherheitssituation vor Ort als „extrem verschlechtert“ im Vergleich zu den letzten beiden Jahren. Zunehmend trieben sich fundamentalistische Islamisten in der Taliban-Tradition auf den Straßen herum, „jedoch ohne Bart – die Wölfe im Schafspelz“. Und auch diejenigen Männer, die aus dem Exil nach Afghanistan zurückkehrten, verschlimmerten oft die Situation der Frauen und Mädchen: „Völlig rücksichtslos sehen sie ihre Chance gekommen und nehmen sich, was sie kriegen können – vermehrt auch Mädchen, die ihm als Zweit- oder Drittfrau in jeder Hinsicht zur Verfügung stehen müssen.“

Mädchen verkauft – damit eine Esserin weniger am Tisch sitzt
Gleichzeitig, so schilderte die Gynäkologin, spüren viele Frauen ein großes Dilemma in ihrem Leben: Einerseits gebe es deutlich mehr Hilfsangebote für Frauen und Mädchen. Dadurch fühlten sie sich gestärkt und träten selbstbewusster auf. „Doch zu Hause und auf der Straße sind die meisten nach wie vor Gewalt und Repressionen ausgesetzt.“

Hauser weiter: „Sie haben zu funktionieren: Als die reinsten Gebärmaschinen, und als Ehefrau des Mannes. Und nicht selten werden sie schon als Mädchen verkauft und zwangsverheiratet, damit eine Esserin weniger am Familientisch sitzt.“
In einem umfangreichen Bericht hat medica mondiale das erschreckende Ausmaß der Zwangsverheiratungen von Mädchen jetzt dokumentiert und wird in Kürze einen Aktionsplan dazu vorstellen.

Projekte zeigen „den Umständen entsprechend hervorragende Ergebnisse“
Hauser schilderte den Fortgang der Arbeit ihrer Organisation in Afghanistan als „den Umständen entsprechend hervorragend“. Es sei für sie „ein überwältigendes Gefühl gewesen zu sehen, dass das Team vor Ort in Kabul mittlerweile rund 30 fast ausschließlich einheimische MitarbeiterInnen hat, die „täglich sichtbar an Selbstbewusstsein, Mut und Tatkraft dazu gewinnen.“

Rückzug nicht geplant, aber jederzeit möglich
Bezug nehmend auf den Rückzug von „Ärzte ohne Grenzen“ aus Afghanistan sagte Hauser, sie könne die Argumente der Organisation gut verstehen. medica mondiale habe jedoch andere Aufgaben und die Situation sei für das Team vor Ort deshalb auch anders. Dennoch sei es nicht ganz auszuschließen, dass auch medica mondiale in die Situation kommen könnte, sich zurück ziehen zu müssen.
medica mondiale, so Hauser, genieße zunehmend große Bekanntheit und Vertrauen im Land:„Damit wir unsere Arbeit für Frauen fortführen können, fordern wir die afghanische Regierung und die internationale Gemeinschaft auf, die Situation der Frauen zu verbessern und für mehr Sicherheit zu sorgen. Gerade jetzt, da die Sicherheitssituation wieder schwieriger wird.“ Denn wenn die MitarbeiterInnen von medica mondiale akut gefährdet wären, müsse auch medica mondiale das Land verlassen.

Hauser beschrieb die Grundstimmung in Kabul und im Süden des Landes als „sehr verunsichert“. Die Bevölkerung fürchte konkret einen Kriegsausbruch bereits im nächsten Jahr: „Einerseits sieht man erheblich mehr selbstbewusst auftretende Frauen ohne Burka oder Schleier auf der Straße. Doch gleichzeitig nimmt auch die Präsenz der Taliban-Nachfolger und diverser Warlords und ihrer Anhänger wieder massiv zu. Je näher die Präsidentschaftswahlen rücken, desto angespannter wird die Stimmung.“

Positive Veränderungen für Frauen noch sehr fragil
Monika Hauser hob hervor, dass die Hilfsangebote für Frauen in ihrer Anzahl erheblich zugenommen hätten, bekannt seien und vor allem auch angenommen würden. Dennoch müsse man sich bewusst machen, wie fragil diese Veränderungen noch seien: „Es gibt viel Positives zu beobachten. Und gleichzeitig fehlt es immer noch an nachhaltiger, ernst gemeinter Unterstützungspolitik ALLER Beteiligten. Immer noch werden die Frauen behandelt, als wären sie eine Minderheit, deren Menschenrechte man auf der Prioritätenliste ganz nach hinten schieben könnte.
Doch genau das sind sie nicht! Sie sind mehr als die Hälfte der afghanischen Bevölkerung, doch von einer Selbstverständlichkeit ihrer Menschenrechte sind wir noch meilenweit entfernt.“ medica mondiale sei nach wie vor die einzige Organisation vor Ort, die in ihrer psychosozialen und juristischen Beratungsarbeit die massenhaften Traumatisierungen durch fortgesetzte Gewalt an Frauen ins Zentrum ihrer Arbeitsweise stelle. Hauser: „Wir brauchen für diese Arbeit sichere und menschenwürdige Lebensbedingungen für Frauen. Und dabei geht es erheblich zu langsam voran!“


Der Fall F. – keine Ausnahmegeschichte
Als die britische Kinderhilfsorganisation „Save the children“ Anfang Juli F. zu medica mondiale bringt, braucht die schwer traumatisierte 16jährige mehr als dringend psychosoziale Hilfe. Vor einem Jahr hat ihr Stiefvater sie vergewaltigt, in ihrem Heimatort Herat. Mit ihrer Mutter ist sie daraufhin nach Kabul geflohen, die anderen Geschwister mussten sie zurück lassen.
Sie suchten Obdach und Schutz bei Familienangehörigen in Kabul. Doch als F. von der Vergewaltigung erzählte, reagierten die Verwandten keineswegs verständnisvoll und zeigten kein Mitgefühl. Eine Hure sei sie, sie habe das doch bestimmt provoziert, ja verschuldet. Wie sie sich überhaupt noch zeigen könne und dass sie sich nicht schäme.

Vor einer Woche dann die Nachricht: Der Stiefvater von F. sei auf dem Weg von Herat nach Kabul. F.’s Mutter findet sie noch rechtzeitig, nachts, versteckt hinter einem Gebüsch im Garten, wo sie sich windet vor Schmerzen. Sie hat versucht, sich mit einem ätzenden Desinfektionsmittel, dass sie geschluckt hat, das Leben zu nehmen. In der Klinik retten die Ärzte ihr Leben.

Nachdem sie bei medica mondiale angekommen ist und Vertrauen zu den Mitarbeiterinnen fassen konnte, vereinbaren sie, dass F. einmal wöchentlich zur Beratung kommt. Die medica mondiale-Mitarbeiterinnen setzen bei der Polizei einen Haftbefehl gegen den Stiefvater durch. Und sie machen sich auf die Suche nach einem Schutzhaus, in dem F. und ihre Mutter leben können. Denn nach ihrem dringendsten Wunsch befragt, antwortet F.: „Eine Ausbildung, damit ich für mich und meine Mutter sorgen kann. Und ein Haus, in dem wir gemeinsam sicher leben können.“


Zwangsverheiratungen von Mädchen – Nach Dokumentation Aktionsplan beschlossen

Als eines der drängendsten Probleme bezeichnete Hauser die nach wie vor weiträumig in Afghanistan geduldete Zwangsverheiratung von Mädchen schon ab sieben Jahren. So legte die Organisation jetzt einen gründlich recherchierten Bericht über das Ausmaß dessen vor und ist dabei, einen Aktionsplan auszuarbeiten.
„Wenn diesen Verbrechen nicht Einhalt geboten wird, dann wird in Afghanistan eine komplette Frauengeneration fehlen!“, so Hauser. „Eine achtjährige, die einen 45jährigen heiraten muss, von ihm permanent als „Ehefrau“ vergewaltigt wird, innerhalb weniger Jahre fünf Kinder bekommt, ist zum einen selbst schwer traumatisiert. Ein großer Teil von ihnen wird zwangsläufig krank. Und auch ihre Kinder werden dieses Schicksal haben. Es muss endlich Gesetze, Sanktionierungen und Aufklärung darüber geben!“


Sie können nicht mehr erkennen, dass sie demütigen und verletzen
Ein Symptom von Traumatisierung durch Gewalt besteht darin, dass die Traumatisierten selbst gewalttätig werden und dies nicht mehr als Unrecht wahrnehmen können. Ein Besuch Monika Hausers mit zwei der von medica mondiale geschulten Hebammen in einem Außenviertel von Kabul demonstrierte dies überdeutlich:

„Von der Hauptstraße bogen wir ab in eine kleine Gasse, an deren Seite ein Bach entlang lief, mit nach Kloake stinkendem Wasser. Die Bauweise in diesem Viertel zeichnet sich dadurch aus, dass fast ausnahmslos die Häuser um einen gemeinsamen Innenhof gebaut wurden, also die Nachbarn stets das Geschehen in den anderen Häusern mitbekommen.
Wir betraten eines der Häuser, um eine 35jährige Frau zu besuchen, die mit ihrem neunten Kind schwanger ist. Sie erzählte der Hebamme, dass einer ihre Söhne fortgelaufen sei, weil er die ständigen Prügel durch den Vater nicht mehr ertrug. Sie würden alle verprügelt, auch sie selbst. Ihr Gesicht war unbewegt, ihre Augen dunkel und ausdruckslos, wie Steine, so wie bei vielen traumatisierten Menschen. Dass sie uns ihre Geschichte so scheinbar unbeteiligt erzählte, zeigte deutlich: Ihr Trauma ist so schwer, die Gewalterfahrungen so extrem, dass sie es sich gewissermaßen emotional „nicht mehr leisten konnte“, den Schmerz hochkommen zu lassen.
So wie bei ihr hatte die extreme selbst erlebte Gewalt auch bei ihren Nachbarinnen eine äußerlich als emotionale Abstumpfung scheinende Haltung zur Folge: Während die Hebamme Z. sie untersuchte, füllte der Raum sich zunehmend mit anderen Frauen, Nachbarinnen, die sich rege unterhielten. Als ich Z. bat, mir zu erzählen, worum es ging sagte sie, die Frauen hätten einander gegenseitig bestätigt, dass sie ihre Kinder schlugen bis Blut komme.’Sie sagten dies mit den gleichen scheinbar unbeteiligten Gesichtern von Menschen, den Schmerz, die den Schock und die Trauer völlig in sich eingeschlossen haben. Dass sie selbst ihre Kinder verletzen und demütigen, können sie nicht mehr erkennen.“


medica mondiales Engagement in Afghanistan
in Zahlen und Fakten (Auszug):

Legal Aid Fund (Rechtshilfeprogramm für inhaftierte Frauen in Kabul und Herat):

sechs Mitarbeiterinnen, eine Koordinatorin in Kabul, zwei Mitarbeiterinnen in Herat.

NEU: je zwei männliche Mitarbeiter in Kabul und in Herat (ein Sozialarbeiter, ein Jurist), die als „Brückenbauer“ zur Kontaktaufnahme zu männlichen Verwandten und Mullahs etc. fungieren.

seit Beginn des Projektes Ende 2003 wurden von medica mondiale-Mitarbeiterinnen 85 Frauen und Mädchen beraten und vor Gericht vertreten, 31 sind darauf hin aus dem Gefängnis frei gekommen.

eine kontinuierliche Ausweitung des Programmes ist geplant – der höchste Gerichtshof der Region Kandahar hat um juristische Unterstützung von inhaftierten Frauen in Kandahar nachgesucht (!) sowie um Fortbildung des juristischen Personals.


Qualifizierungsprogramm für Fachfrauen aus verschiedenen psychosozialen Berufen:

die von medica mondiale in Trauma-Arbeit fortgebildeten 9 Psychologinnen halten monatlich in der psychiatrischen Klinik Kabul 500 Therapiesitzungen ab.

die im Auftrag der Hilfsorganisation CARE arbeitenden und von medica mondiale fortgebildeten Beraterinnen halten 150 psychosoziale Beratungssitzungen wöchentlich ab.

Neun im Auftrag der Hilfsorganisation Terre des Hommes und von medica mondiale fortgebildeten Hebammen haben in den letzten Monaten 800 Frauen monatlich konsultiert und beraten.


Psychosoziale Beratung:

Zwei Vollzeit- und eine Teilzeit-Mitarbeiterin von medica mondiale betreuen 60 Klientinnen pro Woche im
- Gefängnis
- Frauengarten (Women’s Garden) in Kabul
- Drei Gesundheitszentren in Kabul
- im Rahmen von Notfallintervention, wenn die Frauen und Mädchen in das medica mondiale-Projekthaus gebracht werden/kommen.


Doctorane Omid (Mentorinnen-Programm exilafghanischer Ärztinnen):

innerhalb der letzten zwölf Monate erreichten die in Deutschland lebenden exilafghanischen Ärztinnen bei ihren Kurzzeitaufenthalten in Afghanistan direkt (durch ihre medizinische Tätigkeit) und mittelbar (durch Fortbildung ihrer KollegInnen) rund 10.000 Frauen.


Shelter Network Program (Frauen-Schutzhaus-Netzwerkprogramm, in Kooperation mit dem UNHCR) in Kabul, Mazar-i-Sharif und Herat:

rund 70 TeilnehmerInnen landesweit bei den Koordinationstreffen zum Aufbau eines Netzwerkes zum Schutz von Gewalt bedrohter Frauen.

alle zum Thema „Sicherheit von Frauen“ arbeitenden lokalen Gruppen und internationalen Organisationen sind am Programm beteiligt.

Zwei internationale Mitarbeiterinnen entwickeln das Konzept und koordinieren die Treffen.

-> Interview domradio mit Monika Hauser, 5:28 min
als Windows Media (2602 KB)  oder  MP3 (5142 KB)
-> Informationen über Zwangsverheiratung in Afghanistan
-> Fotos zum Thema

Bei Abdruck erbitten wir ein Belegexemplar.

 

 

Informationen und Rückfragen:
medica mondiale e.V.
Isabella Stock
(Presse- und Öffentlichkeitsarbeit)
Hülchrather Straße 4
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Tel.:+49/221-93 18 98-0/-25
Fax: +49/221-9318981
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© medica mondiale e.V.  · 24.08.2004