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Am 4. April ratifiziert Afghanistan die UN-Konvention (CEDAW) gegen Diskriminierung von Frauen – immer noch katastrophale Lebensbedingungen

Abgeschoben und vergessen –
Frauen in afghanischen Gefängnissen

 

Bettina Böttinger und Monika Hauser berichten von gemeinsamer Kabul-Reise

Köln, 3. April 2003.
Die Journalistin und TV-Moderatorin Bettina Böttinger und Dr. Monika Hauser, Gründerin  der  seit 10 Jahren bestehenden Frauenhilfsorganisation medica mondiale (mm), berichten nach ihrer gemeinsamen Afghanistan-Reise von weiterhin extrem schlechten Lebensbedingungen für Frauen. Besonders grausam ist die Situation im Kabuler Frauengefängnis, dessen Insassinnen von mm-Mitarbeiterinnen seit einem Jahr unterstützt werden.
Gleichzeitig zeigen sich erste Erfolge in einem von mm vor neun Monaten gestarteten Qualifizierungsprogramm für Frauen aus dem medizinischen und psychosozialen Bereich.

Monika Hauser und Bettina Böttinger im Gespräch mit afghanischen Frauen in Kabul.
Foto: Ursula Meissner

 

 

 




Bettina Böttinger und Monika Hauser zeigten sich geschockt von den nach wie vor schrecklichen Lebensumständen im Kabuler „Welayat“-Gefängnis, wo mm vor einem Jahr auf die skandalösen Bedingungen der Frauen stieß und für diese Frauen aktiv wurde. Trotz eines anfänglich großen Medieninteresses an den wegen Nichtigkeiten inhaftierten Frauen, so Monika Hauser, müsse sie jedoch feststellen, dass der rein symptomorientierte Blick der PressevertreterInnen „lediglich zu einigen wenigen kurzfristigen Hilfsgaben“ geführt habe. An der grundlegenden Situation der Frauen, die sogar mit Kleinkindern dort lebten, habe sich nichts verändert. Wichtig sei es jedoch, mit einer umfassenden Unterstützung auch strukturell zu einer veränderten Situation für Frauen beizutragen.

Positiv betonten beide ihre Eindrücke des mm-Fortbildungsprogrammes von 40 Kabuler Fachfrauen. Nach nur neun Monaten habe sich ein starkes Netzwerk unter den Psychologinnen, Ärztinnen, Hebammen und Gesundheitsaktivistinnen verschiedener Hilfsorganisationen vor Ort herausgebildet. In ihrer Funktion als Fachfrauen konnten sie durch ein internes Überweisungssystem rund 15.000 Patientinnen und Klientinnen in Kabul und Umgebung erreichen. Finanziert wird das Programm größtenteils über das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ).


Zu den Eindrücken im Einzelnen:

Das Kabuler „Welayat“-Gefängnis

Monika Hauser: „Wir sind seit einem Jahr vor Ort und haben mit den meisten der gefangenen Frauen ein Vertrauensverhältnis aufbauen können. Vor allem die juristische Beratung ist existenziell für die Frauen, neben materieller Hilfe wie Kleidung und Babynahrung sowie die Unterstützung durch die mm-Psychologin, welche die verzweifelten Frauen regelmäßig besucht. Als Gynäkologin habe ich zwei Frauen kurz nach der Geburt untersucht, die so unterernährt sind, dass sie ihre Babys nicht stillen können. Sie unter diesen Bedingungen in diesen kalten, mit Schimmel überzogenen Zellen zu sehen, widerspricht jedem Menschenrecht. Die Unterstützung durch organisierte Sprechzeiten mit Anwältinnen des Frauenministeriums werden von den inhaftierten Frauen sehr gut angenommen, die dadurch objektiven Rechtsbeistand erhalten. mm besucht die Frauen darüber hinaus wöchentlich, um mit ihnen den Fortgang ihres oft verschleppten Prozesses und die weiteren Schritte zu besprechen. Da die meisten der Frauen Analphabetinnen und komplett von ihren Familien abhängig sind, ist dieser strukturelle Beistand überlebenswichtig.
In den allermeisten Fällen sind es ja gerade die Familien, die die Inhaftierung der Frauen veranlasst haben. Häufig werden die unliebsamen Frauen gerade von ihren Ehemännern abgeschoben, im Gefängnis einfach vergessen und vegetieren ohne Hoffnung dahin. Trotz nichtiger Verhaftungsgründe kann es Jahre dauern, dass sie rechtlichen Beistand erhalten und sind somit auf sich alleine gestellt. Die Ehemänner, die ihre Frauen loswerden wollten, gehören inhaftiert - nicht die Frauen selbst!“

Bettina Böttinger berichtet von einem Besuch bei den inhaftierten Frauen: „Die Frauen freuten sich nicht nur über die kleinen Geschenke, die ihnen die mm-Mitarbeiterin Ra-chel Wareham mitbrachte. Diese eingesperrten Frauen begrüßten eine, die ihnen zur Freundin und Vertrauten geworden war.“

“Verbrechen“ wie zum Beispiel die Flucht eines 14-jährigen Mädchen vor der Verheiratung mit einem 60-Jährigen oder außerehelicher Geschlechtsverkehr werden in Kabul als Gründe für eine langjährige Inhaftierung angeführt.

Monika Hauser: „Ich konnte mir ein Bild über einen Staat machen, der sich zum Rechtsstaat entwickeln will. Und der es dennoch zulässt, dass Frauen nicht etwa wegen krimineller Taten verhaftet werden, sondern weil sie der Ehemann loswerden will und sie deshalb bezichtigt, etwas „Verbrecherisches“ getan zu haben. Aufgrund des gesellschaftlichen Kodexes werden sie von ihrem familiären Umfeld als Kriminelle gesehen und sind ab diesem Moment mit einem Stigma behaftet. Die rechtsstaatliche Untersuchung verläuft äußerst schleppend, die Beweisaufnahme ist völlig unprofessionell und kann leicht von zahlenden Verwandten beeinflusst werden. Dies wird zusätzlich verlangsamt durch die Geheimhaltung der allgegenwärtigen sexuellen Gewalt gegen Frauen und ihr Wegschließen in Gefängnissen. Deshalb fordern wir die internationale Gemeinschaft dringend dazu auf, Druck auf die gesellschaftlichen Kräfte in Afghanistan auszuüben. Nur so werden sich demokratische Entwicklungen durchsetzen können – und nur so erhalten die zahlreichen Anhänger einer demokratischen Ordnung im Land ein klares Signal. Wenn dies nicht geschieht, bedeutet dies eine Unterstützung für die konservativen afghanischen Feudalherren alter Prägung!“

Was medica mondiale bisher für die Rechte der gefangenen Frauen in Afghanistan erreicht hat
Große Aufmerksamkeit internationaler Presse für die Situation von Frauen in afghanischen Gefängnissen
Der 2002 neu gegründete afghanische Richterinnen-Verband (AWJA) wurde durch einen ausführlichen -> mm-Bericht auf die Problematik aufmerksam und plant künftig in der Prozessbegleitung der Frauen mit mm zu kooperieren
Das Frauenministerium und das zuständige Innenministerium zeigen sich zunehmend sensibler im Umgang mit den Inhaftierten
Zwei schwangere Frauen konnten nach 3 Tagen mühseliger Verhandlungen und trotz Bürokratie und Kommandanten-Willkür unter mm-Schutz zur gynäkologischen Untersuchung gebracht werden
Zwei aus dem Gefängnis entlassene Frauen haben durch mm eine sichere Unterkunft gefunden
20 minderjährige Frauen wurden im vergangenen Jahr durch intensive mm-Lobbyarbeit vom afghanischen Staatschef Hamid Karzai freigelassen
10 Frauen konnten durch einen von mm vorangetriebenen Prozess aus dem Gefängnis freigelassen werden
Durch das Vertrauensverhältnis der Gefängnisinsassinnen zu mm berichteten sie von der Gewalt der Wärterinnen

Fortbildungsprogramm – Monika Hauser leitete ein Seminar im Rahmen dieses Projektes und berichtet von erfolgreichen Strukturen der Kabuler Fachfrauen

Monika Hauser: „Ich war sehr begeistert über die Fortschritte in unserem Fort- bildungsprogramm. Durch dieses insgesamt auf vier Jahre angelegte Programm zur Fortbildung von 40 Kabuler Fachfrauen zu Multiplikatorinnen, können Frauen erreicht werden, die in diesen Seminaren weit mehr als fachliches Know how in der Traumaarbeit erlernen. In einem geschützten Raum ist so ein Austausch über Themen möglich, wie dies bis dato in Afghanistan nicht möglich war. Es war wunderbar für mich zu sehen, wie zum Beispiel unsere Psychologin, die auch mit den Frauen im Gefängnis arbeitet, sich aus ihren Fesseln innerhalb dieser einengenden Gesellschaft löst und sich komplett der Arbeit für Frauen verschreibt. Auch für solche, die hier als „schmutzig“ bezeichnet werden, wie zum Beispiel für Witwen, Prostituierte und unehelich Schwangere.“

Bettina Böttinger teilt diesen Eindruck: „Ich war erstaunt, vor allem über die Offenheit der Psychologinnen und Hebammen. Plötzlich wurde über Tabuthemen wie Empfängnis- verhütung oder Zwangsprostitution ganz offen gesprochen.“

Hier hat mm den Anstoß gegeben, der schon viele Früchte getragen hat. Gerade diese Fachfrauen aus Kabul, die mm für das Projekt gewinnen konnten, die täglich mit den zerstörerischen Folgen von 20 Jahren Krieg, Terrorregimen, Vergewaltigung und der Frauenverachtung in den sozialen Stammeskodizes zu tun haben, wissen um die unendliche Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit der afghanischen Frauen und Mädchen.

 

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© medica mondiale e.V.  · 13.10.2003