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m-journal 2-2007

„Es ist noch lange nicht vorbei.“

Medica Zenica unterstützt bosnische Frauen beim Antrag auf Invalidenrente

  Auch heute ist es für viele Frauen noch lange nicht vorbei – eine Trauernde bei einer Gedenkveranstaltung zum Srebrenica- Massaker im Jahr 1995 · Foto: © dpa

Seit einem Jahr haben bosnische
Frauen gesetzlichen Anspruch auf
eine Invalidenrente,wenn sie nachweisen
können, dass sie Opfer einer
Kriegsvergewaltigung oder anderer
sexualisierter Kriegsgewalt waren. Das
Parlament hatte das weltweit einmalige
Gesetz beschlossen, für das Medica
Zenica und andere Organisationen seit
1998 gekämpft hatten. (Wir berichteten
im Journal 2/2006). Jetzt engagieren
sich die Mitarbeiterinnen für die
Auszahlung an die betroffenen Frauen.

Heute Vormittag war wieder eine ehemalige Klientin da. 1994, mitten im Krieg, war die bosnische Kroatin von zwei Soldaten der bosnischen Armee vergewaltigt worden. Beraterinnen von Medica Zenica hatten sie damals nach einem Hinweis zu Hause besucht und in die gynäkologische Ambulanz und Beratungsstelle eingeladen. Heute, 13 Jahre später, ist die Frau den Hügel am Stadtrand von Zenica hinaufgegangen und wieder zu Medica Zenica gekommen: Sie benötigt dringend Unterstützung bei ihrem Antrag auf Anerkennung als Überlebende einer Kriegsvergewaltigung.Wird diesem Antrag stattgegeben, hat sie Anspruch auf eine Rente von umgerechnet rund 250 Euro – mehr als das bosnische Durchschnittseinkommen. Also setzt sich Psychologin Marijana Senjak mit ihr in das Büro von Medica Zenica und beginnt, nach den nötigen Akten zu suchen.

Lange hatte sich Medica Zenica für diese Rente eingesetzt, unter anderem 2003 mit der Einberufung eines Runden Tisches zu den psychischen und physischen Folgen von Kriegsvergewaltigungen, doch zunächst ohne Erfolg. Erst mit der Verleihung des „Goldenen Bären“ für den Film „Esmas Geheimnis“ im Februar letzten Jahres – der Film handelt von den Folgen einer Kriegsvergewaltigung in Bosnien – stieg der Druck auf die Politik derart, dass das Gesetz im Parlament verabschiedet werden konnte und im Oktober 2006 in Kraft trat.

Seitdem ist die Hilfe von Medica Zenica für viele Frauen unerlässlich. Denn Medica Zenica hat während des Krieges und danach hunderte von Fällen dokumentiert: Aussagen, medizinische Gutachten, Polizeiberichte, die die Kommission nun für die Antragsbewilligungen einsehen will.

So stellt Marijana Senjak an diesem Morgen für die Klientin Dokumente aus dem Jahr 1994 zusammen, in denen steht, was damals passiert ist. Sie kopiert ein Kapitel aus dem Buch „Am Anfang war die Wut“ über den Beginn von medica mondiale, in dem die Autorin die Geschichte der Kroatin aufgeschrieben hat. Außerdem nimmt sie die aktuellen Symptome auf, unter denen die Frau heute noch leidet. Denn auch wenn der Krieg schon lange zurückliegt – „für viele Frauen ist es noch lange nicht vorbei“, sagt Marijana Senjak.

Aber nicht nur die Aushändigung der dokumentierten Beweise ist wichtig, sondern auch die moralische Unterstützung der Frauen. Belma Jergovic* hatte schon einmal eine schmerzliche Prozedur auf sich genommen, um eine kleine Rente zu bekommen. Auch schon vor dem neuen Kriegsopferstatus-Gesetz konnten Frauen versuchen, sich als sogenannte Veteraninnen anerkennen zu lassen. Doch nur wenigen Frauen gelang es, durch das sehr strenge und für die Betroffenen zum Teil unerträgliche Verfahren zu kommen. Darüber hinaus war die Rente von rund 20 Euro kaum mehr als ein Almosen. „Ich will das alles nicht noch einmal mitmachen“, sagt Belma Jergovic bei einem Hausbesuch der Medica Zenica-Psychologin. Auf der Flucht mit ihrer Familie nach Deutschland war sie von Soldaten aus dem Bus gezerrt und vergewaltigt worden. Heute ist die 29-Jährige schwer krank. Sie hat derart starke Schmerzen am ganzen Körper, dass sie nicht ohne fremde Hilfe laufen kann. „Wahrscheinlich kann die Anerkennungskommission auf das erste Verfahren zurückgreifen«, beruhigt Marijana Senjak und verspricht, nächste Woche wieder vorbeizukommen.

Wenn eine Klientin das möchte, formulieren die Medica Zenica-Beraterinnen den Bericht mit ihr gemeinsam. „Wir möchten unter keinen Umständen, dass Akten mit Details an die Behörden gehen, die die Frau nicht offenbaren will“, erklärt Marijana Senjak. „Das ist ja eins unserer Prinzipien: Dass die Frau nie wieder die Kontrolle über das verliert, was mit ihr passiert.“

* Name geändert

 

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© medica mondiale e.V. ·  02.10.2007