m-journal 2-2007
Vermittlung auf neutralem Boden

Mitarbeiterinnen von medica mondiale Afghanistan vor dem Mediationszentrum · Foto: © medica mondiale
Zehn Jahre lang kämpft Mariam für die Scheidung von ihrem Ehemann, der sie seit Jahren körperlich misshandelt. Ihr Mann weigert sich beharrlich, der Auflösung der Ehe zuzustimmen und ignoriert den anberaumten Scheidungstermin im Familiengericht in Kabul. Mariam wendet sich daraufhin an das Mediations- und Rechtshilfezentrum von medica mondiale Afghanistan. Die Rechtsanwältinnen der Organisation laden den Ehemann zu einem Gespräch ein und erklären ihm, dass auch die Scharia der Frau ein Recht zur Scheidung zugestehe und dass seine Verweigerung gegen religiöse Gebote verstoße. Diese Argumentation überzeugt den Ehemann. Er stimmt schließlich der Scheidung zu.
Mariams Geschichte ist nur eine von vielen, mit denen die Rechtsanwältinnen im Mediationszentrum im Kabuler Untersuchungsgefängnis Walayat konfrontiert werden. Seit Eröffnung des Zentrums im Mai konnten die Mitarbeiterinnen in insgesamt 18 Fällen Ratsuchende konkret unterstützen: mit Hilfe von Mediation – der Vermittlung zwischen Betroffenen – mit rechtlichem Rat oder der Weitergabe von Fällen an das Familiengericht.
Rechtsberatung in Mazar-e-Sharif
Bereits seit 2004 ist medica mondiale Afghanistan in der Stadt Mazar-e-Sharif tätig; seit dem vergangenen Winter auch mit einem mobilen Rechtshilfeteam. Ein Mal pro Monat unterstützte es dort Frauen in Rechtsfragen. Doch aus geplanten wenigen Tagen vor Ort wurden zum Teil zwei oder mehr Wochen, um den vielen Frauen ausreichend Beratung bieten zu können. Beschlossen wurde daher die Einrichtung eines eigenen Büros – seit dem 17. Juli nun arbeiten zwei Mitarbeiterinnen von medica mondiale vor Ort.
Auf große Nachfrage stößt das Angebot vor allem, weil es in Mazar-e-Sharif weder eine lokale noch eine internationale Organisation zur Unterstützung der Rechte von Frauen gibt. Ein weiterer Grund: Das Prinzip, wonach jede und jeder Beschuldigte in einem Prozess Anspruch auf eine Verteidigung hat, ist in Afghanistan fast völlig unbekannt – dort, wo es sich herumspricht wie in Mazar-e-Sharif, suchen Frauen verstärkt den Beistand von Rechtsanwältinnen.
Es hatte eines langen Atems und zahlreicher Gespräche mit dem Gouverneur des Bezirks Kabul bedurft, bis sich schließlich die Tür zu der neuen Stätte für die Lösung von Konflikten öffnete. Das Mediationszentrum ist jetzt zum einen eine sichere Anlaufstelle für die betroffenen Frauen, zum anderen aber auch ein Ort, an dem die Rechtsanwältinnen in entspannterer Atmosphäre arbeiten können. Bei den zuvor bereits angewendeten Mediationsverfahren in den Privathäusern der Betroffenen mussten die Mitarbeiterinnen von medica mondiale Afghanistan oft Beschimpfungen von aufgebrachten Familienmitgliedern über sich ergehen lassen. „Es ging soweit, dass die Anwältinnen teilweise Angst um ihr Leben hatten«, erklärt Suzana Paklar, die Leiterin von medica mondiale Afghanistan. „Die Einrichtung eines Mediationszentrums auf neutralem Boden war daher für uns ein sehr wichtiger Schritt, um erfolgreich arbeiten zu können.“
Bei der Mediation wenden die Anwältinnen Verfahren an, die der afghanischen Kultur und Religion angepasst sind: Sie versuchen, den jeweiligen Konflikt auf Grundlage der Scharia beizulegen. Haben die Parteien einen Kompromiss erarbeitet, so wird ein schriftlicher Vertrag geschlossen. Das Übereinkommen wird dann bei Gericht hinterlegt, und die Anwältinnen prüfen in regelmäßigen Abständen, ob die Vereinbarung eingehalten wird. Durch die gerichtliche Hinterlegung und damit die Veröffentlichung des Konflikts,wird der Druck auf die Parteien erhöht, sich an die Absprachen zu halten. All dies verschafft Frauen in einem Konfliktfall ein günstigeres Ansehen in ihrer Umgebung. „Nachbarn, Familie und Freunde können so eher erkennen, dass nicht – oder wenigstens nicht allein – die Frau die Schuld an dem Konflikt trägt“, so Suzana Paklar, „ein erster Schritt zur Anerkennung der Rechte von Frauen.“
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© medica mondiale e.V. · 02.10.2007



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