m-journal 1-2006
„Nirgendwo ist die sexuelle Ausbeutung größer“
Erschreckendes Ausmaß sexualisierter Gewalt in Liberia – medica mondiale startet breit angelegtes Projekt
„Am liebsten würden die Frauen sofort das vom Urwald überwachsene Gelände roden und mit dem Bau des neuen Frauenzentrums beginnen“, sagt Simone Lindorfer. Die Psychologin entwarf nach einer Recherchereise das Konzept für ein neues medica-mondiale-Projekt: ein dreijähriges Programm zur Unterstützung traumatisierter Frauen in Liberia. Der Enthusiasmus der Frauen macht Mut für die enormen Aufgaben, die auf die Mitarbeiterinnen von medica mondiale vor Ort zukommen.
Nach fast 15 Jahren Bürgerkrieg hat sexualisierte Kriegsgewalt in Liberia ein unvorstellbares Ausmaß errreicht. In einigen Gegenden mussten bis zu siebzig Prozent der Frauen und Mädchen Vergewaltigungen erleben. Mädchen wurden zu Kindersoldatinnen gemacht, zum Töten gezwungen und als Zwangsprostituierte rekrutiert.

Lehrer dürfen mit Schülerinnen schlafen, wenn sie dabei ein Kondom benutzen? Zweifelhafte Aufklärung auf diesem Plakat in Liberia.
Gewalt gegen Frauen und Mädchen ist allgegenwärtig in Liberia – auch heute, nach dem Krieg. Häufig beginnt Vergewaltigung und Ausbeutung schon in der Schule: Schülerinnen (selbst die jüngsten) müssen mit ihrem Lehrer schlafen – sonst ist nicht selten ihre Versetzung gefährdet. „Ich habe noch nie ein Land gesehen, in dem die sexuelle Ausbeutung größer ist – und in dem mir mehr schwangere Teenager begegnet sind“, stellt Simone Lindorfer bestürzt fest.
Hoffungsschimmer Präsidentin?
Anlass zur Hoffnung gibt das Ergebnis der Präsidentschaftswahl im November 2005: Mit Ellen Johnson-Sirleaf wurde zum ersten Mal auf afrikanischem Boden eine Frau zur Staatspräsidentin gewählt. Eine ihrer ersten Amtshandlungen war der Erlass eines Gesetzes, das lebenslängliche Gefängnisstrafen für Vergewaltiger ermöglicht.
Die ersten Schritte auf dem Weg zum Frieden in Liberia sind getan. Nun startet ein großes Infrastrukturprogramm der Deutschen Welthungerhilfe (DWHH): Der strukturschwache Südosten des Landes wird aufgebaut: Straßen, Brücken und Schulen entstehen, Kakaoplantagen und Fischfarmen werden angelegt.
„Wenn die großen Männer Liebe
machen wollen mit kleinen
Mädchen, gehen sie auf die Straße
und sprechen da ein Mädchen an.
Dann gehen sie in ein Haus und
schließen die Tür ab. Und wenn
der große Mann fertig ist, gibt er
dem Mädchen Geld oder ein
Geschenk.“
(Erläuterung des Begriffs „sexuelle Ausbeutung“ durch ein
westafrikanisches Flüchtlingskind.
Entnommen einem Bericht des UNHCR/„Save the Children“,
Großbritannien 2002)
Darüber hinaus hat die DWHH medica mondiale ein Projekt zur Traumabewältigung von Frauen übertragen: Ziel ist es, Frauen bei der Verarbeitung ihrer Kriegserfahrungen zu unterstützen und ihnen einen Neuanfang zu ermöglichen. Zu diesem Zweck bauen wir in Fishtown, einer der Provinzhauptstädte, ein Frauenzentrum auf.

Mit Enthusiasmus bei der Sache: die Mitarbeiterinnen des Projektes in Fishtown
Und nicht zuletzt suchen von uns ausgebildete einheimische Mediatorinnen* immer wieder im Dorfleben das Gespräch mit Männern und Frauen, um sie für das Thema Gewalt und Menschenrechte zu sensibilisieren. Das Ziel: ein langfristig friedvolles Zusammenleben – insbesondere zwischen den Geschlechtern.
* Mediation ist Verhandlung zwischen Konfliktparteien im Beisein eines/einer unparteilichen Dritten (MediatorIn), der/die die Verhandlung nach einem strukturierten Ablauf leitet.
Dieses Engagement ist Teil des Programms der deutschen Finanziellen Zusammenarbeit zum Wiederaufbau des Südostens Liberias. Die Deutsche Welthungerhilfe (DWHH) führt im Auftrag der KfW Entwicklungsbank dieses aus Mitteln des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) finanzierte Programm durch.
Helfen Sie uns mit Ihrer
Spende bei der Unterstützung von Frauen in Kriegs- und Krisengebieten in aller Welt!
© medica mondiale e.V. · 11.10.2006



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