„Ohne die Hebammen hätte ich mich längst umgebracht!“
Hebammen sind für afghanische Frauen oft der einzige Kontakt zur Außenwelt
Die Traumatherapeutin Maria Zemp hat in Kabul im Auftrag von medica mondiale 24 Hebammen geschult
M. ist 14 Jahre alt und hat gerade ihr zweites Kind zur Welt gebracht
– schon wieder „nur“ ein Mädchen. Mit acht Jahren
hatte sie ihre Eltern im Krieg verloren. In der Familie, in der sie als
Hausangestellte arbeitete, wurde sie vergewaltigt und im Alter von elf
Jahren an einen 63-jährigen Mann verheiratet. Ihr Mann sperrt sie
in einem Kellerloch ein. Wenn er und seine Mutter
außer Haus sind, kommen zwei Hebammen zu Besuch.
Sie bringen der
ausgehungerten Mutter, die vom Nahrungsentzug unter Anämie leidet,
Essen und versorgen sie medizinisch. „Hätte ich nicht die Unterstützung
der Hebammen“, sagt die junge Frau, „hätte ich mich längst
umgebracht.“
Nur einer von vielen erschütternden Fällen, von denen Maria Zemp nach ihrer Rückkehr aus Kabul berichtet. Sechs Wochen lang hat die Heilpraktikerin und Körper- psychotherapeutin Hebammen im Auftrag von medica mondiale bei ihren Hausbesuchen begleitet und geschult. Die jüngste Schwangere war zwölf Jahre alt. „Die Hebammen sind oft die einzigen Personen, mit denen die Frauen außerhalb der Familie sprechen dürfen“, berichtet Zemp. „Die Frauen sind einem unermesslichen Ausmaß an häuslicher Gewalt ausgesetzt.“
Ihr Ehemann sperrt M. in einem Kellerloch ein
Dabei haben die Hebammen keine psychologischen oder gar traumatherapeutischen Kenntnisse. Viele von ihnen sind ohne Schulbildung. Teilweise sind sie selbst Opfer häuslicher Gewalt. Damit ihre Einsätze maximal unterstützend verlaufen und die Hebammen ihrerseits nicht der Gefahr einer sekundären Traumatisierung ausgesetzt sind, hat medica mondiale im Rahmen des 5-jährigen Qualifizierungsprogramms für 40 psychologische, psychosoziale und medizinische Fachfrauen in Kabul das Hebammen-Schulungsprojekt ins Leben gerufen.
In einer ersten Phase begleitete Traumatherapeutin Zemp die Hebammen bei ihren Hausbesuchen. „Die Hebammen haben mir zugeschaut, welche Interventionen ich wann wie mache, wann ich Gespräche umleite oder beende. Ich habe ihre Gesprächsführung und ihre Interventionen beobachtet.“ In einem anschließenden Workshop konnten die zuvor in der Praxis gewonnenen Erfahrungen theoretisch aufgearbeitet werden. „Die Hebammen baten dringend darum, dieses „training on the job“ weiter zu führen“, berichtet Maria Zemp.
„Die Frauen kämpfen mit aller Kraft um ihr Leben!“
Hebammen sind für viele der besuchten schwangeren Frauen und Wöchnerinnen der einzige Kontakt zur Außenwelt. Sie haben eine Schlüsselfunktion bei der Stärkung der Frauen. „Die Frauen sind so verzweifelt und gleichzeitig kämpfen sie mit aller Kraft um ihr Leben“, berichtet Maria Zemp. „Das ist auch der Grund, warum die Frauen mir als westlicher Mitarbeiterin von medica mondiale die Türen zu ihren Häusern und ihren Seelen so weit geöffnet haben.“ Immer wieder betonten die Frauen: „Unsere einzige Hoffnung ist die Unterstützung durch die internationale Gemeinschaft!“
Das Kellerloch, in dem M. von ihrem Mann gefangen gehalten wird, hat kein Tageslicht. Auf dem Boden liegen vergammelte Kartoffeln. Als Maria Zemp und die beiden Hebammen zu Besuch kommen, haben Nachbarinnen die 14-Jährige gerade aus dem Keller der Ruine geholt, um sie für ein paar Stunden ans Sonnenlicht zu setzen. Der Ehemann und die Schwiegermutter sind nicht da – nur dann dürfen die Hebammen die junge Frau besuchen. Sie hat blaue Flecken im Gesicht.
M. hat gerade ihre zweite Tochter geboren. Im Alter von acht Jahren hat sie ihre Eltern im Krieg verloren. Um zu überleben, arbeitete sie als Hausangestellte in einer Familie. „Dort ist mir etwas passiert“, erzählt sie und deutet damit an, dass sie ihre Jungfräulichkeit verloren hat. Mit elf wurde M. dann an einen 63-jährigen Mann verheiratet. Gleich nach der Geburt des zweiten Kindes, das wieder „nur“ ein Mädchen ist, schlägt er sie, wie schon zuvor.
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© medica mondiale e.V. · 28.12.2007



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