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Eigene Publikationen

Projektleiterin berichtet direkt aus Kabul


Bele Grau, Projektleiterin für Afghanistan

Am Freitag, den 18. April, hat sie sich auf den Weg gemacht: Bele Grau, unsere Projektleiterin für Afghanistan. Zwei Wochen wird sie mit den Kolleginnen von medica mondiale Afghanistan arbeiten. In einem kleinen Tagebuch schildert sie uns ihre Eindrücke und berichtet vom Stand der Dinge in den Projekten.

2. Mai 2008

Meine Zeit in Kabul geht dem Ende entgegen. Das Projektplanungstreffen mit allen Mitarbeiterinnen, das uns in den letzten Tagen beschäftigt hat, war nicht so einfach. Das zentrale Thema war der Kern der Organisation – wer sind wir, wofür arbeiten wir, was ist das eigentliche Ziel unserer Aktivitäten, jetzt und in Zukunft?

Viele der Mitarbeiterinnen, die in den verschiedenen Projekten arbeiten, sehen hauptsächlich ihren Teil der Arbeit, nicht die gesamte Organisation. Noch sehen sie je nach Arbeitsfeld die psychosoziale Beratung oder die Strafverteidigung von traumatisierten Frauen als eigentliches Ziel der Aktivitäten. Die vielen Jahre unter den Taliban haben auch sie geprägt; sie hatten keinerlei Chance, die Bedürfnisse von Frauen in den Mittelpunkt zu stellen. Es fällt ihnen schwer, sich die grundlegende Veränderung und Verbesserung der Situation aller afghanischen Frauen zum Ziel zu setzen, Änderungen auf politischer, struktureller und gesellschaftlicher Ebene. Auf dem Planungstreffen erstellen wir daher zusammen mit dem lokalen Management-Team einen Aktionsplan für den Rest des Jahres, damit wollen wir allen Mitarbeiterinnen dieses Organisationsverständnis erklären und vermitteln. Durch Teammeetings, Einzelgespräche und Workshops. Denn für ein künftig selbständiges Medica Afghanistan ist dieses gemeinsame Verständnis entscheidend. Ich habe ein gutes Gefühl bei dem Ergebnis, das wir gemeinsam erreicht haben. Ich glaube, dass wir einen guten Weg gefunden haben, um weiter als Team zu wachsen.

Doch für diesen Prozess – wie für die direkte Unterstützung der afghanischen Frauen - brauchen wir Geld. Aber unsere bisherigen Finanzplanungen sind durch die aktuellen Probleme mit einigen Geberinstitutionen durchkreuzt worden. Und so kehre ich ins Gästehaus zurück, um einem weiteren Projektantrag den letzten Schliff zu geben und schließlich abzuschicken. Morgen fliege ich nach Hause. Es war wieder eine spannende und intensive Zeit, wie immer war die Zeit zu kurz, um alles zu tun und zu besprechen, was ansteht. Und wie immer verlasse ich unser Programm und vor allem die afghanischen und internationalen Kolleginnen mit gemischten Gefühlen – es ist gut, was wir gemeinsam für die afghanischen Frauen erreicht haben, aber ich sorge mich sehr, dass unser Engagement immer schwieriger wird.

30. April 2008

Heute steht eine ganztägige Sitzung mit den fünf Kolleginnen des Management-Teams auf dem Programm. Wir wollen uns über die Weiterentwicklung der Organisation austauschen, über den Prozess, in dem wir uns befinden: Die Entwicklung von medica mondiale Afghanistan zu einer eigenständigen afghanischen Frauenrechtsorganisation. Ein zwar anstrengender und schwieriger, doch gleichzeitig sehr spannender Prozess.

Doch als ich ankomme, ist die Stimmung anders als erwartet. Eine Kollegin berichtet mit Tränen in den Augen, dass ihre Cousine in der letzten Nacht bei der Geburt ihres Kindes gestorben ist. In Afghanistan ist das immer noch eine noch eine der häufigsten Todesarten von Frauen – alle 30 Minuten stirbt hier eine Frau bei der Geburt ihres Kindes – das ist die zweithöchste Müttersterblichkeit der Welt. Die Kollegin fährt dann wieder nach Hause zu ihrer Familie.

Bedrückt bleiben wir zurück – und sprechen über die nächste beunruhigende Nachricht des Tages. Im Distrikt 7, einem der Wohnviertel Kabuls, haben afghanische Sicherheitskräfte seit Stunden Häuser abgeriegelt und Straßen gesperrt, weil dort mehrere Selbstmordattentäter vermutet werden. Es wird von Schießereien auf offener Strasse berichtet. Eine Kollegin sagt, sie habe mit ihrer Familie seit zwei Uhr Nachts am Radio gesessen und Nachrichten gehört. Eine andere kommentiert, das Gute daran sei, dass die Sicherheitskräfte aktiv geworden sind, bevor etwas passieren konnte. Sie hat Recht, das ist in gewisser Hinsicht beruhigend.

Wir versuchen, uns auf unsere ursprünglich geplanten Themen zu konzentrieren. Wir reden darüber, was es heißt, für Frauenrechte einzutreten. Über unsere Ängste und Hoffnungen in Bezug auf das kommende Jahr. Und über konkrete nächste Schritte, die für uns und für alle Kolleginnen aus den verschiedenen Teams anstehen in den kommenden Monaten.

28. April 2008

Eine Lebensmittelvergiftung am Wochenende hat mich ausgebremst, keine Kraft für Nachrichten aus Kabul – doch mit einigen Tabletten habe ich es in den Griff bekommen. Jetzt geht es mir besser und ich fahre ich mit unseren Anwältinnen zum Mediationszentrum von medica mondiale Afghanistan. Es ist ein kleiner Raum auf dem Gelände vom Untersuchungsgefängnis 'Welayat', das Familiengericht ist nebenan. Ein Riss in der Wand ist mit Tesafilm geflickt, die Tür ist ein simpler Vorhang. Masiha, eine der Anwältinnen, erklärt mir, dass die meisten Frauen ohne Termin kommen – sie werden von anderen Organisationen oder dem Familiengericht an uns weiter vermittelt.

Also setzen wir uns, und während wir warten, unterhalten wir uns über ihre Arbeit. Fast alle Frauen kommen hierher, weil sie unter massiver Gewalt in der Familie leiden.

Ein alter Mann tritt ein. Seine Tochter studiert an der Universität von Kabul und kann daher nicht selbst kommen. Sie ist seit fünf Jahren verheiratet, aber ihr Mann ist seither im Iran, sie haben keinen Kontakt mehr. Daher möchte sie sich scheiden lassen. Das ist eine Sache für das Familiengericht und erfordert eine Reihe von Briefen. Es hört sich zwar langwierig, aber dennoch recht aussichtsreich an.

Die nächste Klientin ist eine ältere Frau in einer Burka. Ihre Tochter sitzt im Kabuler Gefängnis Pul i Charki ein. Ihr Verbrechen war, sich als verheiratete Frau in einen anderen Mann zu verlieben und mit ihm davonzulaufen. Nach zwei Monaten wurden sie gefunden. Die Anklage lautete auf Ehebruch, und beide wurden zu je fünfeinhalb Jahren Haft verurteilt. In der Zwischenzeit hat sie ein Baby bekommen, das bei ihr im Gefängnis lebt. Die Mutter versucht nun, eine Revision des Falles zu beantragen, um die Haftstrafe zu vermindern. Unsere Anwältinnen beraten sie über die nächsten Schritte, die sie unternehmen kann.

In der Zwischenzeit betritt eine weitere Frau den Raum. Sie wurde sowohl von ihrem Mann als auch von seiner zweiten Frau massiv geschlagen. Ohne Erfolg hatte sie versucht, mit ihrem Mann über eine andere Aufteilung des Hauses zu verhandeln, so dass es für sie möglich wäre, mit beiden unter einem Dach zu leben. Nun lebt sie mit ihrem Sohn seit sieben Monaten wieder bei ihren Eltern. Sie ist sehr ärgerlich und verlangt jetzt von ihrem Mann, dass er ihr ein separates Haus baut. Da der erste Versuch der Mediation gescheitert ist und der Mann sich weigert, zu unserem Mediationszentrum zu kommen, wird er nun eine offizielle Vorladung vom Familiengericht bekommen. Das hilft meistens, lacht Masiha, da bekämen die Männer Angst, weil es von offizieller Seite kommt. Fast immer könnten sie dann eine Regelung finden, die für die Frau akzeptabel ist. Wenn sie das erreicht haben, besuchen sie die Frauen zuhause, um nachzuprüfen, ob die Vereinbarung auch eingehalten wird.

Wir bleiben noch eine Weile im Mediationsraum sitzen und unterhalten uns über die Rechte von Frauen hier. Vieles wird immer noch nach traditioneller Rechtsauslegung entschieden, manchmal gibt es Strafen für Tatbestände, die es nach gültiger Gesetzeslage gar nicht gibt, besonders für Frauen und Mädchen.

24. April 2008

Heute treffe ich mich zum Mittagessen mit einer Bekannten, die sich seit einigen Wochen beruflich in Afghanistan aufhält. Wir sitzen im Schatten in dem wunderschönen Garten eines Cafés und genießen die friedliche Stimmung. Man muss nur den Stacheldraht auf den Mauern ausblenden, denke ich. Und außerdem die Information, dass heute früh ein Selbstmordanschlag auf der Jalalabad Road in Kabul gerade noch rechtzeitig verhindert wurde.

Ich erzähle meiner Bekannten von den finanziellen Schwierigkeiten, in denen medica mondiale Afghanistan gerade steckt. Und auch das ist absurd: täglich werden in Afghanistan mehrere Millionen Euro in den Militäreinsatz investiert. Und gleichzeitig steht unsere Arbeit auf der Kippe, die Frauenrechte stärkt, auf der Ebene der einzelnen Frau und ihrer Familie ansetzt und dort Frieden schafft.

Am Nachmittag habe ich einen Termin bei einem potentiellen Geldgeber, einer Botschaft in Kabul. Wir haben den Projektantrag Ende letzten Jahres eingereicht, aber noch gibt es kein Ergebnis. Nachdem ich an den bewaffneten Wächtern vorbei und verschiedenste Sicherheits-Checks durchlaufen habe, treffe ich mich mit meinem Gesprächspartner. Leider kann er mir noch kein Ergebnis mitteilen. Eine Buchprüfung ist auf ihrer Seite dazwischen gekommen, daher dauert die Beurteilung unseres Antrags dieses Mal ungewöhnlich lange.

Das verstehe ich zwar, aber momentan hilft es uns nicht weiter. Wir unterhalten uns noch eine Weile über die aktuelle politische Situation, die auch für Organisationen wie medica mondiale immer schwieriger wird, dann fahre ich zurück in unser Büro.

22. April 2008

Wir sind auf dem Weg zum Distrikt 7, einem der armen Außenbezirke Kabuls, etwa 40 Minuten Fahrtzeit von unserem Büro. Die Strassen sind über weite Strecken wie immer ein einziger Stau, und zwischen den Autos zwängen sich Frauen mit Babys, alte Männer und kleine Jungen durch, klopfen an die Autofenster, hoffen auf etwas Geld oder versuchen Kaugummis zu verkaufen. Afghanistan ist nach wie vor eines der ärmsten Länder der Erde, und die weltweite Nahrungsmittelverteuerung zeigt auch hier ihre deutlichen Auswirkungen.

Kurze Zeit später sitzen acht Frauen zusammen mit der Beraterin von medica mondiale Afghanistan entlang der Wände auf Matten auf dem Boden. Der Raum, den wir für diese Beratungsstunden angemietet haben, ist gerade groß genug für uns. Eine Frau hat ein Baby auf dem Arm, ein anderes schläft neben seiner Mutter auf ihrer zusammengerollten Burka. Sie alle wohnen in der Nähe dieses Hauses; manche kannten sich bereits vorher, andere haben sich vor einem Monat hier zum ersten Mal getroffen.

Für einige von ihnen ist diese Stunde die einzige Zeit in der Woche, in der sie ihr Haus verlassen. Erst seit kurzer Zeit kommen sie hierher, und schon ist dieses wöchentliche Treffen für sie zu einem wichtigen Bestandteil ihres Lebens geworden. Sie haben gemerkt, wie gut es tut, zu reden: von ihrem prügelnden Ehemann und den Konflikten mit der Schwiegermutter, von ihrer Wut darüber, dass ihre Kinder nicht genug zu essen haben und sie selbst keine Chance auf ein besseres Leben. Alle haben massive Gewalt erlebt, und für die meisten von ihnen ist sie ein ständiger Begleiter. Sie wollen gemeinsam lachen und weinen, voneinander lernen, mit ihren inneren und äußeren Verletzungen und ihrer Traurigkeit, Wut und Verzweiflung umzugehen.

Unsere Beraterin leitet sie in den Gesprächen behutsam an und unterstützt das sich vorsichtig entwickelnde Vertrauen. Sie macht mit ihnen einfache Körper- und Atemübungen, die ihnen zuhause helfen, in schwierigen Situationen nicht den Boden unter den Füßen zu verlieren. Die Frauen lernen langsam, zum ersten Mal in ihrem Leben Vertrauen in sich selbst zu haben.

20. April 2008

Meine fünfte Reise nach Afghanistan scheint spannend zu werden. Es fängt schon an bei meinen Mitreisenden auf dem Flug von Dubai nach Kabul: Mit an Bord ist das afghanische Frauenfußball-Nationalteam! Sie haben im Jemen gegen ein paar andere Teams aus der Region gespielt, aber leider verloren, wie eine der jungen Frauen mir erzählt. Dann berichtet sie mir noch schnell von einem großen Erfolg des letzten Jahres: ein zweiter Platz bei einem Spiel in Pakistan. Ich sage ihr, wie begeistert ich bin von dem, was sie tun, aber ich befürchte, sie hat nicht so ganz verstanden, wie ich es meine: nämlich vollkommen unsportlich.

Denn nicht der Spielerfolg imponiert mir – mich beeindruckt der Mut dieser jungen Frauen. Dass sie ganz einfach das unternehmen, was sie wollen, in ihrem Fall Fußball spielen. Ungeachtet der Schwierigkeiten, denen sie sich dadurch aussetzen – denn Frauensport wird noch immer von vielen Menschen in Afghanistan als höchst unsittlich angesehen.

Beim Landeanflug auf Kabul stellt sich heraus, dass der Mann neben mir der Generalsekretär der Wolesi Jirga ist, des afghanischen Parlaments. Er kommt gerade von einer Konferenz aus Kapstadt. Während unseres kurzen Gesprächs finden wir gemeinsame Bekannte: eine ehemalige Mitarbeiterin von medica mondiale, die jetzt auch Mitglied des Parlaments ist, und eine deutsche Politikberaterin. Er gibt mir seine Visitenkarte und bietet seine Unterstützung für medica mondiale Afghanistan an. Diesen Kontakt empfehle ich gern meiner Kollegin für Frauenrechte in Kabul!

Die Fahrt vom Flughafen zum Büro ist heiß und staubig, die übliche Dunstglocke hängt über der Dreimillionen-Stadt – man merkt nicht, dass es in den letzten Wochen kalt und regnerisch war. Ich freue mich, wieder hier zu sein, in diesem trotz aller Zerstörung doch so wunderschönen und faszinierenden Land.

 

Die Mitarbeiterinnen von medica mondiale Afghanistan stehen vor schwierigen Zeiten: die internationalen Geber halten ihre Zusagen für den Wiederaufbau nicht ein. Jetzt lautet die Frage: Wie ist es um die Finanzierung der Projektarbeit bestellt? Schließlich will medica mondiale Afghanistan in naher Zukunft selbständig werden. – Ohne zusätzliche Gelder ist die Arbeit von medica mondiale Afghanistan jedoch gefährdet.

Ihre Unterstützung stärkt den Frauen in Afghanistan den Rücken und sichert das Erreichte. Helfen Sie den afghanischen Frauen daher mit Ihrer -> Spende.

© medica mondiale e.V. ·  05.05.2008