Das „Victim-Witness-Assistance Programm“ ermutigt Frauen, vor Gericht zu gehen
Projektförderung in Nazareth, Israel
Auch in der patriarchalisch geprägten Gesellschaft der arabisch-palästinensischen Minderheit in Israel ist sexualisierte Gewalt gegen Frauen ein Tabuthema. Frauen, die missbraucht oder misshandelt worden sind, müssen mit dem Ausschluss aus der Familie oder dem Tod „im Namen der Familienehre“ rechnen. Für betroffene Frauen ist es undenkbar, einen sexuellen Übergriff bei den israelischen Behörden anzuzeigen. Zur traumatischen Erfahrung hinzu kommen Scham, das Gefühl der Schande und die Angst vor der Reaktion der Familie. Sprachprobleme und die politisch angespannte Lage des Israel-Palästina-Konflikts verschärfen ihre Situation zudem. Als Minderheit im Staat Israel wird die palästinensische Bevölkerung von den israelischen Behörden nach wie vor als „Teil des Feindes“ empfunden und entsprechend diskriminiert. Seit dem Aufstand im Oktober 2000 herrscht ein verstärktes Klima der Angst und des Misstrauens. Dies hat auch Auswirkungen auf die finanzielle Förderung entsprechender Programme: Zugunsten von angeblicher „Sicherheit“ wird bei sozialen Maßnahmen und im Gesundheitsbereich drastisch gekürzt – vor allem zu Lasten der arabischen Minderheiten in Israel.
Die Situation als Klägerin
Für eine Frau, die sexualisierte Gewalt erfahren hat, kann ein Gerichtsverfahren zur Zerreißprobe werden. Während eines Prozesses ziehen Polizei und Justizbehörden nur selten die traumatische Erfahrung der Frau in Betracht. Als Klägerin wird sie durch eine staatliche Behörde, d. h. den Distriktsstaatsanwalt, vertreten, während der Täter sich einen Rechtsanwalt aussuchen und sich so die bestmögliche Verteidigung leisten kann. Da sie gleichzeitig Zeugin ist, ist sie aus wichtigen Verfahrensabschnitten ausgeschlossen: Sie darf weder der Verteidigungsrede noch dem Schuldspruch beiwohnen. Hinzu kommt die Sprachbarriere, Palästinenserinnen sprechen oft kein Hebräisch.
Das „Victim-Witness-Assistance Program“
Seit Anfang 2005 fördert medica mondiale das „Victim-Witness-Assistance Program“ der
Organisation „Women Against Violence“ (WAV) in Nazareth. Jüdische und arabische Frauen, die sexualisierte Gewalt erfahren haben, werden während des gesamten Prozesses begleitet Die WAV-Beraterinnen sprechen fließend Hebräisch und Arabisch. Sie begleiten die Frauen beim Gang zur Polizei, unterstützen sie bei der Anzeige und achten darauf, dass der Fall schnell verhandelt wird. Sie führen durch den gesamten Prozess und leisten sowohl emotionale als auch juristische Unterstützung. Darüber hinaus versuchen sie, alle Beteiligten für die Traumatisierung der Frauen zu sensibilisieren, da bei Polizei, Staatsanwaltschaft und Richtern kaum ein Bewusstsein für die besondere Belastung der Klägerinnen vorhanden ist.
Women against Violence – Teil des feministischen Friedensnetzwerks
„Women against Violence“ wurde 1992 gegründet, um arabischen Frauen in Israel zu helfen, die sexualisierte Gewalt erfahren haben. Zu dieser Zeit gab es kaum eine Anlaufstelle, in der arabisch gesprochen und das kulturelle Umfeld arabischer Frauen bekannt war. WAV gründete das erste Frauenhaus für arabische Frauen in Israel. Ziel der WAV heute ist es, allen von sexualisierter Gewalt betroffenen Frauen im nördlichen Raum Israels helfen zu wollen, egal ob jüdisch oder palästinensisch. Bei der 24-Stunden-Beratungshotline suchen jeden Monat zahlreiche Mädchen und Frauen Hilfe über das Telefon. Mit Bildungsinitiativen besucht WAV Schulen in Städten und Dörfern entlegenerer Regionen des Landes und leistet dort Aufklärungs- und Öffentlichkeitsarbeit.
Die Bereitschaft zur übergreifenden Zusammenarbeit und deren Erfolge sind deutlich: Über Krisenzentren und die Polizei werden im gesamten Land Frauen an WAV und das „ Assistance- Program“ verwiesen. Die Anzahl von Hilfe suchenden Frauen, die sich in Folge der Beratung mit einer Anzeige an die Polizei wenden, ist im Jahr 2004 von 20% auf 42% angestiegen.
Aida Toumar, die Direktorin von WAV und Koordinatorin des „Victim-Witness-Assistance Program”, ist als eine der
1000 Friedensfrauen für den Friedensnobelpreis 2005 nominiert.
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© medica mondiale e.V. · 12.04.2007

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