Flower Aceh – Eine Frauenorganisation im Brennpunkt
Flower Aceh wurde 1989 anlässlich eines Vergewaltigungsprozesses in Banda Aceh gegründet. Ziel der Frauenrechtsorganisation ist es, Gewalt gegen Frauen zu bekämpfen und Frauenrechte als Menschenrechte in der Gesellschaft Acehs zu verankern.
Flower Aceh leistete zunächst Aufklärungsarbeit über Frauengesundheit und gegen Frauenarmut. Seit 1996 engagiert sich die Organisation auch außerhalb der Hauptstadt in zahlreichen entlegenen Dörfern der Region. Hier unterstützen die Mitarbeiterinnen vor allem Überlebende des Krieges zwischen der indonesischen Armee und der Unabhängigkeitsbewegung Acehs. Aus zahlreichen Dörfern waren alle wehrfähigen Männer verschwunden, massenhaft verschleppt worden – tausende Frauen waren so Witwen geworden. Vergewaltigungen und sexualisierte Folter an ihnen durch Soldaten oder Polizei waren an der Tagesordnung. Flower Aceh wagte sich als eine der ersten Organisationen in diese Regionen vor, um diese Menschenrechtsverletzungen zu dokumentieren und konkrete materielle, medizinische und psychologische Hilfe zu leisten. So half Flower Aceh zum Beispiel Frauen in verschiedenen Dörfern, sich zu kleinen Kooperativen zusammenzuschließen und gemeinsame Spar- und Kreditkassen anzulegen.
„Das Ausmaß der Traumatisierung war enorm“, schilderte eine Aktivistin von Flower Aceh einer medica mondiale-Mitarbeiterin, die 1999 das Projekt besuchte, die Situation. „So richtig bewusst wurde mir das, als in der Nähe eines Dorfes der Reifen eines vorbeifahrenden Autos mit lautem Knall platzte und plötzlich die Dorfbewohnerinnen, die gerade noch mit mir draußen gesessen hatten, verschwunden waren. Sie hatten alle in Windeseile Schutz gesucht.“
Doch intensive Traumaarbeit konnte zu diesem Zeitpunkt nicht beginnen. Denn auch nach dem Ende der Suharto-Regierung flammten die Kämpfe zwischen Armee und Unabhängigkeitsbewegung wieder auf. Der Aktionsradius der Organisation wurde wieder weitestgehend auf Banda Aceh beschränkt.
Der historisch-politische Hintergrund: Militärisches Einsatzgebiet Aceh
Im Mai 1991 erklärte die Regierung Suharto die Provinz Aceh zum „besonderen militärischen Einsatzgebiet“. Diesen Status behielt Aceh bis zum Sturz Suhartos 1998 bei. Während dieser Zeit war Aceh hermetisch abgeriegelt, hatten AusländerInnen oder JournalistInnen keinen Zugang; selbst IndonesierInnen brauchten Sondergenehmigungen. Das Ausmaß der militärischen Gewalt, die sich immer auch gegen die Zivilbevölkerung richtete, wurde daher auch erst 1998 weltweit bekannt.
Die indonesische Regierung in Jakarta begründete ihre Militäroperationen stets mit der Bekämpfung militanter Rebellen. In den 70er Jahren war die „Bewegung freies Aceh“ (GAM) aktiv geworden; sie kämpft bis heute mit Waffengewalt für die Unabhängigkeit Acehs. Die Bevölkerung bestimmter Regionen steht nach wie vor unter dem Generalverdacht, die GAM zu unterstützen und bildet daher für die Armee ein Angriffsziel.
Letztlich ging und geht es bis heute um die Frage, wer die Kontrolle über die reichen Naturressourcen Acehs hat, vor allem über die Erdgas- und Ölfelder der Küstenregion, die in den 70er Jahren entdeckt wurden. Nur ein Prozent der Petro-Dollar-Gewinne floß zu Suhartos Zeiten in die Provinz zurück, während die Bevölkerung rund um die multinationalen Unternehmen bis heute in Armut lebt.
Die Atempause nach Suhartos Sturz war kurz. Bereits 1999 begann die Armee mit Vertreibungsaktionen in Gebieten, die als von GAM kontrolliert galten. Zeitweise gab es bis zu 300.000 Binnenflüchtlinge in Aceh. Wieder wurden Dörfer durchkämmt, Häuser in Brand gesteckt, Menschen ermordet und Frauen vergewaltigt. Aber auch die Aktionen der GAM richteten sich jetzt zunehmend gegen die Bevölkerung, um Geld oder andere Formen von Unterstützung zu erpressen. Im Mai 2003 wurde über Aceh erneut das Kriegsrecht verhängt und erst ein Jahr später wieder aufgehoben. Im Dezember 2004 zerstörte die Tsunami-Flutwelle weite Teile Acehs.
„Frauen müssen an politischen Entscheidungen teilhaben!“
„Der bewaffnete Konflikt in Aceh muss beendet werden – egal wie“, fordert Suraiya Kamaruzzaman, die Gründerin von Flower Aceh. Und sie fordert, dass Frauen an allen die Provinz betreffenden Entscheidungsprozessen beteiligt werden. „Der Krieg“, so teilte sie medica mondiale bei einem Besuch in Köln im Jahr 2003 mit, „hat fast 400.000 Frauen zu Witwen gemacht und fast eine halbe Millionen Haushalte in Aceh haben einen weiblichen Vorstand. Und dennoch werden ihre Rechte weiter eingeschränkt.“
Dies gilt leider heute in gleicher Weise, da Frauen mit ihren Kindern in extremer Weise von der Katastrophe betroffen sind – zwei Drittel der Betroffenen in Aceh sind Frauen und Kinder. Bedauerlich und bedenklich ist auch, dass internationale Organisationen bei den Soforthilfemaßnahmen die Expertise der einheimischen Frauenorganisationen weitgehend ignorieren.
Die Arbeit von Flower Aceh wurde 2001 mit der Verleihung des Yap-Thiam-Hien-Menschenrechtspreises an die Gründerin der Organisation, Suraiya Kammaruzzaman, international anerkannt.
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© medica mondiale e.V. · 11.10.2006

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