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Albania

Vergessenes Albanien – Zahlen und Fakten im Überblick

Die albanische Gesellschaft und der Kanun

  • Die albanische Gesellschaft wird stark durch den traditionell überlieferten Ehrenkodex „Kanungeprägt, der erstmals im 15. Jahrhundert niedergeschrieben wurde – eine Art Gewohnheitsrecht vor allem sehr traditionell lebender AlbanerInnen. Es beschreibt die gesellschaftlichen Regeln zu Moral- und Ehrvorstellungen, Leben und Tod, zu Familie und zum alltäglichen Zusammenleben. Dazu gehören Vorstellungen zum Einhalten eines gesprochenen Wortes, von Gastfreundschaft und Ordnung, aber eben auch strikte Regeln zur Blutrache, der sog. Vendetta.
  • Die Albanian Human Rights Group (AHRG) schätzt, dass mehr als 1400 Familien sich aus Angst vor Blutrache in Selbstgefangenschaft in ihren Wohnstätten aufhalten. Kinder werden aus Angst vor Ermordung nicht in die Schule geschickt.

Frauen in Albanien

  • Albanien ist, nicht zuletzt durch die Existenz des Kanun, ein Land mit zutiefst patriarchalischer Tradition.
  • Gemäß Kanun hat die Frau in der Gesellschaft keine Rechte. Sie ist dem Mann als Besitz zugewiesen. Es ist ihre Aufgabe, dem Mann und seiner Familie untertan zu sein und Kinder auf die Welt zu bringen, die den Ruhm des Hauses fördern. Häusliche Gewalt steht an der Tagesordnung, Vergewaltigungen in und außerhalb der Ehe werden nicht als Verbrechen der Männer angesehen sondern als Schande für die Familie und nur in den seltensten Fällen angezeigt. Oft wird die Frau dafür bestraft – schlimmstenfalls bis zu ihrer Tötung.
  • Bei einer schon insgesamt hohen Arbeitslosigkeitsquote im Land ist es insbesondere für Frauen sehr schwierig und ohne Ausbildung fast unmöglich, eine finanziell tragfähige Tätigkeit zu finden.
  • Frauen, die ohne männliches Familienoberhaupt leben, sind häufig gesellschaftlich isoliert. Die gesellschaftliche Stigmatisierung umfasst alleinstehende Frauen, alleinerziehende Mütter und Witwen. Sie müssen besondere Anstrengungen unternehmen, um gegen die Widerstände der öffentlichen Meinung ihr Leben zu leben.
  • Die sogenannten „Lagerfrauen“, Überlebende des Hoxha-Regimes, haben teilweise ihr ganzes Leben (bis zu 45 Jahre) in den oft gewalttätigen Arbeitslagern des kommunistischen Regimes verbracht. Traumatisiert von den schlimmen Erfahrungen von Folter – dabei auch sexualisierter Gewalt – und, zum größten Teil ohne Ersparnisse, stehen diese Frauen im wirtschaftsschwachen Albanien nun neuen Problemen gegenüber. Das Thema lesbische Beziehungen ist tabu in Albanien. Generell gelten Singlefrauen, ungeachtet ihrer sexuellen Orientierung, als abnormal oder "unglückselig“.
  • Unehelich geborene Kinder gelten als entehrend; die Mutter gilt als Hure und hat wenig Chancen auf eine Heirat. Trägt die Frau das Kind aus, lässt sie es oft in der Klinik zurück oder setzt ihr Kind unmittelbar nach der Geburt aus, was meist zum Tod des Kindes führt. Neben dem gesellschaftlichen Druck auf unverheiratete Mütter trägt auch die oft aussichtslose wirtschaftliche Lage zu diesen Verzweiflungstaten bei.
  • Albanien gilt als Transitland für Frauenhandel. Die Route führt von Osteuropa über Albanien in den Westen. Zudem werden auch etwa 8.000 albanische Frauen jährlich in westliche Länder zur Prostitution gezwungen. Nach offiziellen albanischen Angaben sind außerdem zwischen 1993 und 2001 rund 4.000 Kinder aus der Republik Albanien verkauft worden.

Politische Situation

  • Albanien befindet sich in einem tiefgreifenden Transformationsprozess von einem totalitären Regime unter Enver Hoxha über anschließende bürgerkriegsähnliche Unruhen hin zu einer parlamentarischen Demokratie.
  • Die Korrumpierbarkeit staatlicher Organe, die ineffizient arbeitende Verwaltung, eine schwache Rechtsprechung, die geringe Wirtschaftsproduktivität, hohe Arbeitslosigkeit, Umweltprobleme, weitverbreitete (Schwerst-)Kriminalität und Bandentum sowie das Neuaufleben des Kanuns lähmen den Demokratisierungsprozess des Landes.

Wirtschaftliche und soziale Situation

  • Albanien ist das ärmste Land Europas. Das Bruttosozialprodukt pro Kopf liegt bei 1514 USD (2001), 18 Prozent der 3,1 Mio. Einwohner sind offiziell arbeitslos gemeldet, die Dunkelziffer weitaus höher.
  • Große Probleme Albaniens sind nach wie vor schlechte Energieversorgung, mangelhafte Infrastruktur und Landflucht vor allem der jungen AlbanerInnen. Viele vor allem der besser ausgebildeten AlbanerInnen flüchten ins Ausland oder wandern aus auf der Suche nach einem besseren Leben.
  • Auf 1000 EinwohnerInnen kommen lediglich 1,4 Ärzte und 3,2 Krankenhausbetten. Die Säuglingssterblichkeit liegt bei 25 von 1.000 und ist somit fünfmal höher als in Deutschland, hinzu kommt eine hohe Müttersterblichkeit.
  • Acht Prozent der Kinder Albaniens sind unterernährt.
  • Auch an Bildung mangelt es, vor allem die Analphabetenquote bei den Frauen mit 23 Prozent ist alarmierend.

 

 

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© medica mondiale e.V. ·  11.10.2006