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Albania

Schicksalsbericht einer Überlebenden des Hoxha-Regimes

Leise surren die Maschinen. Igbale K. lässt den luftigen roten Stoff locker durch ihre Finger gleiten. Sie hat gelernt, wie sie eine Naht kaum sichtbar an die richtige Stelle setzt. Seit Juni 2004 hat sie bei einer großen italienischen Kleiderfirma in Tirana eine Stelle als Näherin. „Seit ich 2003 auf medica traf“, sagt sie in der Pause, „hat sich mein Leben grundlegend verändert.“

Sie erzählt von ihrer Kindheit im „internen Exil“, einem kleinen Dorf in den 2000 Meter hohen albanischen Bergen, in das ihre Familie als „Regimegegner“ der berüchtigten Hoxha-Diktatur verbannt wurde. „Vor dem ganzen Dorf wurden wir von Hoxhas Anhängern als Feinde beschimpft – und die Arbeit auf den uns zugeteilten Feldern war knochenhart. Noch heute habe ich davon eine chronische Blasenerkrankung und Schmerzen in den Gelenken.“

Auch nach dem Zusammenbruch der Diktatur Anfang der neunziger Jahre litt und leidet sie an den körperlichen wie an den emotionalen Folgen von Vertreibung, Erniedrigung und Gewalt. „Ich wusste gar nicht, woher meine Gedächtnisschwäche kam oder warum ich von einem Moment zum anderen traurig wurde. Und für die Nächte nahm ich Tabletten, wenn Geld dafür da war.“

Angebote bei den "Lagerfrauen"

Igbale trat der Gruppe der ehemaligen Lagerfrauen bei, mit denen Medica Tirana kooperiert. „Sie haben von medica erzählt, und dass wir dort immer hin können, um einen Kaffee zu trinken oder eine Gruppe zu besuchen. Das hat mich neugierig gemacht.“ So besuchte sie zuerst eine Bildungsgruppe, tauschte sich aus über Geschlechterverhältnis, häusliche Gewalt, Umgang mit schwer erziehbaren Kindern und viele andere Themen, welche die Frauen und ihr Leben unmittelbar betreffen.

Irgendwann ließ sie sich dann auch auf eine Trauma-Beratungsgruppe ein. „Jetzt weiß ich viel besser, warum ich manchmal so gefühlskalt bin, weiß dann auch, wie ich den Stress abbauen kann oder aufkommende Panik zumindest eindämmen. Es macht keine so große Angst mehr, wenn ich weiß, woher das alles kommt“, erzählt sie. Sie nimmt kaum mehr Schlafmittel und lässt ihre Blasen-Erkrankung bei Dr. Bruna Mersini von Medica Tirana behandeln. Nach dem dreimonatigen Nähkurs bei Medica Tirana hat ihr die Beraterin Entela Kauqui geholfen, eine Stelle zu finden.

Aufarbeiten der eigenen Geschichte

Igbale K. steht für viele der Klientinnen in der albanischen Hauptstadt, die inzwischen besser mit ihren Trauma-Symptomen umgehen können und beginnen, ihre Gewalterfahrungen zu verarbeiten. Besonders bedeutsam war dabei im letzten Jahr: Das Team von Medica Tirana bot offene Gruppen an, in denen es um Aufarbeitung sexualisierter Gewalt in den Hoxha-Lagern geht – ein riesiges Tabu in Albanien, wo es bisher kaum öffentliches Aufarbeiten der eigenen nationalen Geschichte gibt.

Nun beginnen die Frauen – wenn auch allgemein – darüber zu berichten. „Viele bitten danach um einen Termin zur Einzelberatung – 40 Frauen haben das 2004 wahrgenommen. Da kommen dann auch eigene Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt nach oben“, berichtet Anila Harshowa, psychiatrische Ärztin und Beraterin im Team von Medica Tirana. „Wir sind so froh, dass wir den Frauen einen „sicheren Ort“ bieten können, der für eine Aufarbeitung so schrecklicher Erfahrungen erste Voraussetzung ist.“

 

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© medica mondiale e.V. ·  11.10.2006