Aufklärungsarbeit in den Slums von Tirana
Shpresa rutscht unruhig auf dem Sofa hin und her und reibt ihre Hände aneinander. Dass hier so offen über eigentlich Tabuisiertes gesprochen wird, verunsichert sie. Aber: es macht sie auch neugierig. Shpresa ist eine von zwanzig Frauen, die sich in der ärmlichen Steinhütte Brunas auf die Sofas drängen, um mit den jungen Ärztinnen Mimoza Mimoza Simjari und Valentina Qemalla von Medica Tirana über „Frauendinge“ zu sprechen.
Zweimal in der Woche fährt das Medica Tirana-Team hinaus in die Vororte Tiranas, die in Schmutz und Chaos versinken. Die Straßen werden bei jedem Regenguss zu Schlammpisten, überall am Straßenrand liegt Unrat. Die Abwasserkanäle liegen offen und über den Hütten bilden Stromleitungen Netze, deren Kabelenden ins Nichts führen – fast schon egal, ohnehin fällt in Tirana fast täglich das Licht aus.
Auch heute fehlt der Strom. Mimoza klebt deshalb ein Plakat an die Tür und erklärt mit einfachen Worten, wie der weibliche Zyklus funktioniert. Nach und nach werden die Frauen gelassener – und neugieriger. „Also, dass mit den fruchtbaren Tagen“, fragt Antela schüchtern, „wann fang ich denn da zu zählen an?“ Die Fünfzehnjährige kichert ein wenig und rückt auf dem Sofa näher an ihre Freundin Saranda heran. Diese erzählt später, sie habe sich loskämpfen müssen zuhause, um zu kommen. Aber ihre Mutter sei einmal dabeigewesen, hatte ihr gesagt, sie solle da auch hin, die Ärztinnen könnten „solche Sachen“ besser erklären. Und sie hatte eine Broschüre mitgebracht über die Arbeit von Medica Tirana. Da habe sogar ihr Vater reingeguckt. Naja, gesagt habe er nichts dazu. Aber nun sei sie gekommen, mit der Freundin.
Immer lebendiger wird das Gespräch, immer offener die Fragen. Einige Frauen diskutieren angeregt, andere schauen mit verstörtem Blick um sich – der sich mit der Zeit aufzuhellen beginnt. In den sogenannten „Aufklärungsgruppen“ von Medica Tirana bekommen die Frauen das Wissen um und damit auch die Autonomie über den eigenen Körper zurück, die ihnen in jahrhundertelanger Unterdrückung genommen wurde und die in Form des frauendiskriminierenden Clan-Codexes „Kanun“ immer noch vorherrscht.
In den Gruppe ist die Kraft zu spüren, die sich entwickelt, wenn Frauen zusammen sind. Und die albanischen Frauen, im ländlichen Norden des Landes oder in der Großstadt aufgewachsen, suchen bei Medica Tirana diese „safe-rooms“, Räume nur für sie. Beim Nachhausegehen verteilt Mimoza Aufklärungsbroschüren und Einladungen für das Medica-Zentrum im Stadtkern Tiranas. Dankbar drücken die Frauen in Brunas Hof den Ärztinnen die Hand. „Wenn ich nach Hause komme, ist zwar wieder alles beim Alten, aber über so was mit anderen Frauen zu sprechen macht Mut“, sagt Shpresa schüchtern nach der Gruppe. Übrigens: Ihr Name bedeutet „Hoffnung“.
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© medica mondiale e.V. · 11.10.2006

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