Der Mord an Nadia Anjoman

Nadia Anjoman
HERAT, im November 2005. Noch während Monika Hausers Projektreise in Afghanistan erreichte medica mondiale die erschütternde Nachricht vom Mord am Nadia Anjoman, einer 25jährigen Dichterin aus Herat.
Nadia wurde von ihrem Ehemann umgebracht, einem Dozenten an der Universität von Herat. Als Todesursache hieß es zunächst, sie sei an einem Herzinfarkt gestorben. Mit 25?
Drogen, Unfall – oder pure Gewalt?
Der Ehemann, so hieß es unmittelbar danach, beging kurz nach der Tat angeblich einen Selbstmordversuch und lag im Koma. Innerhalb kürzester Zeit war er jedoch schon wieder auf den Beinen. Er wurde schließlich verhaftet und gab seine Version zu Protokoll:
Ja, er habe seine Frau im Streit geschlagen. Sie sei jedoch danach zu einer Freundin gegangen und einige Stunden später zurückgekehrt. Ihm hätte sie dann erzählt, sie habe Drogen genommen, um sich zu vergiften. Daraufhin hätte er sich das Motorrad eines Nachbarn geliehen und Nadia ins Krankenhaus gebracht. Auf dem Weg dort hin wäre sie jedoch gestorben.
Nadia Anjoman war eine in Herat bekannte Schriftstellerin und hatte in diesem Jahr ihren ersten Gedichtband veröffentlicht. Sie war außerdem Literaturstudentin im vierten Jahr an der Universität Herat. Nadia Anjoman gehörte zur neuen geistigen Elite des Landes.
Schon vorher Hilferufe
Die Nachricht vom Mord erreichte medica mondiale durch Nadias Bruder, der für medica mondiale als Übersetzer arbeitet. Er beschreibt die Ehe der Schwester als schwierig und berichtet, dass sie etwa einen Monat vor ihrer Ermordung ihre Brüder um Hilfe gebeten hatte, da ihre neue Familie, vor allem die Schwiegereltern, sie tyrannisierten. Eines Abends sei einer der Brüder auf Nadias Hilferuf zu ihr gefahren, um nach ihr zu sehen und sie abzuholen, worum sie inständig gebeten habe. Nadias Mann, der sie kurze Zeit später ermorden sollte, habe sie zurück gehalten und großspurig angekündigt, er werde beim nächsten Streit zwischen Nadia und ihrer Schwiegermutter versöhnend eingreifen und sie dazu bringen „einander die Hände zu küssen“. Wenige Wochen später ist Nadia tot, wahrscheinlich erschlagen. Ihr sieben Monate altes Kind bleibt allein zurück, denn weder die Familie des Mörders, noch ihre ursprüngliche Familie will sich des Kindes annehmen, das „das Blut des Mörders in sich trägt“. Die Schwiegermutter hat das Baby allein im Haus zurück gelassen und ist geflohen.
Kein Arzt will den Mord erkennen
Die absurde Geschichte des Herztodes der jungen, eigentlich gesunden Frau wollte auch ein Kriminalbeamter nicht glauben, der bei der ersten medizinischen Untersuchung der Leiche zufällig dabei gewesen war. Die „Untersuchung“ hatte sich auf eine oberflächliche Betrachtung des Gesichts beschränkt, ohne jedoch die Verletzungen klar zu beschreiben. Dem Beamten war aufgefallen, dass Nadias linke Gesichtshälfte blutig war und sie vermutlich noch mehr Verletzungen am Körper hatte, was auch ihre Mutter bestätigte. Er forderte von dem Arzt im Krankenhaus eine weitere Untersuchung mit Bericht, und als das Ergebnis ebenso wenig brachte, noch eine weitere. Kein ärztlicher Befund ging auf die Verletzungen ein. Keiner der Ärzte war bisher in der Lage oder Willens, eine gründliche Untersuchung auf die Todesursache nach medizinischen Standards vorzunehmen. Angeblich fehlte es an geeigneten Geräten, dabei hätte schon Hinsehen stutzig machen müssen. Warum solche Verletzungen bei einem Herzinfarkt? Jetzt soll die Leiche exhumiert werden, um nachzuholen, was bisher versäumt oder vertuscht wurde.
Nadias Erbe
An Nadias Tod wird eine Aufklärung nichts ändern, vielleicht aber langfristig am Bewusstsein in der Gesellschaft. Allein die Tatsache, dass ihr Fall an die Öffentlichkeit gelangt ist und nun weiter verfolgt wird, ist ein Hoffnungsschimmer in einem Land, in dem Gewalt gegen Frauen so sehr zum Alltag gehört und so wenig strafrechtlich verfolgt wird. Das Schicksal der jungen Dichterin, die Mujaheddin und Taliban überlebt hat, um dann in einer Zeit relativen Friedens vom eigenen Mann ermordet zu werden, ist in mancherlei Hinsicht symptomatisch für die Situation der Frauen in Afghanistan heute. Die Gewalt dauert an, und Gerechtigkeit durch die Behörden widerfährt den Opfern nur in den seltensten Fällen. Meist ausschließlich dann, wenn internationale Organisationen sich einschalten, die für Frauenrechte eintreten – wie medica mondiale.
Nadia unterschied sich von vielen afghanischen Frauen dadurch, dass sie die Universität besuchte und einen eigenen Beruf anstrebte – eine junge Frau, die ihre Zukunft in einem neuen Afghanistan sah. Ihr gewaltsamer Tod jedoch ist eine brutale Erinnerung daran, wie sehr die gegenwärtige Realität des Landes immer noch von Strukturen aus der Vergangenheit bestimmt wird – vor allem für Frauen. Nadia war mit einem Universitätsdozenten verheiratet, dessen Bildung ihn nicht gegen die frauenverachtende Haltung wappnete, die in Afghanistan so weit verbreitet ist. Dieser Fall zeigt also auch, dass Gewalt gegen Frauen nicht allein mit Unwissenheit und Ignoranz zu erklären ist. Viel Arbeit liegt noch vor uns.
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© medica mondiale e.V. · 11.10.2006

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